VERSCHOLLEN

Tamara Janisch

Eigentlich sollte es ein ganz normaler Nachtdienst werden. Es war 18:00 Uhr und ich machte mich auf den Weg an meinen Arbeitsplatz im Krankenhaus Güssing. Seit 2015 bin ich diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin auf Station B. Der Schwerpunkt der Station liegt in der Versorgung von chirurgischen Patient*innen sowie der Behandlung von Brustkrebserkrankungen. Mein Arbeitsplatz gefällt mir und ich gehe gerne zur Arbeit. Das Teamklima in der Abteilung ist geprägt von Wertschätzung, Zusammenhalt und Humor. Durch unsere Stationsleitung Elke erhalten wir immer die nötige Unterstützung und Anerkennung. Unser gutes Arbeitsklima ist kein Zufall – denn nur als Team kann man funktionieren. Daher freute ich mich schon auf den Dienst. Ich war ausgeschlafen und motiviert. Und außerdem hatte ich das Vergnügen, mit Julia zusammenzuarbeiten, mit der ich sehr gut harmoniere. Wir kennen uns schon lange, mit ihr gemeinsam habe ich bereits die Diplomkrankenpflegeschule in Oberwart absolviert.

Ich ging in die Umkleide, zog meine Dienstkleidung an und machte mich auf zur Station. Im Dienstzimmer angekommen war meine Kollegin Julia schon da und der Spätdienst bereit für die Übergabe. Schnell machte ich mir noch einen Kaffee und dann konnte es auch schon losgehen. Es war 18:30 Uhr, die Dienstübergabe begann. Bisher klang alles sehr ruhig. Ich kannte die Patient*innen noch vom Vortag, bis auf eine Frau, die neu war: Frau M. Sie war aufgrund von offenen Wunden an den Unterschenkeln und starker Schmerzen aufgenommen worden. Laut Tagdienst war Frau M. orientiert und mit ihrem Rollator zuhause noch mobil gewesen, aktuell wegen der Schmerzen und Schwäche in den Beinen aber nicht mehr. Die Übergabe ging zu Ende, die Kolleg*innen wünschten uns einen »Ruhigen Nachtdienst!«. »Danke, den werden wir bestimmt haben – sieht ja soweit ganz ruhig aus.« Dachten wir zumindest. Wir begannen mit unserem ersten Rundgang durch die Station. Frau M. war eine nette ältere Dame. »Melden Sie sich bitte per Rufglocke, wenn Sie wieder Schmerzen haben oder etwas benötigen«, baten wir sie. »Danke, das werde ich machen«, antwortete sie. Kurz vor Mitternacht war die erste Arbeit erledigt und wir setzten uns ins Dienstzimmer, um etwas zu trinken. Gegen 02:30 Uhr machten wir unseren nächsten Rundgang und positionierten bettlägerige Patient*innen.

Später, um 05:00 Uhr, begann für uns der letzte Rundgang. Wir starteten im Zimmer 15 bei Frau M. Doch als wir die Tür öffneten, war sie nicht in ihrem Bett. Julia und ich schauten uns erstaunt an. »Ich dachte, sie kann nicht gehen? Oder zumindest nicht alleine?«, rief ich aus. Frau M. war auch nicht im Badezimmer. Sofort durchsuchten wir die gesamte Station: Abstellräume, Lagerräume, Gänge, doch wir fanden keinen Hinweis auf sie. Wir weiteten die Suche aus – und wurden langsam ziemlich nervös. Schließlich trugen wir die Verantwortung für unsere Patientin. Als Nächstes riefen wir alle anderen Stationen an, doch niemand hatte sie gesehen. Dann kam mir ein Gedanke: Vielleicht war sie draußen? Unsere Station war nicht weit von Station C entfernt, wo sich ein Hinterausgang befand und ein schmaler Weg in Richtung „Wald“ führte. Könnte sie vielleicht dort sein? Ich wollte nichts unversucht lassen und lief hinaus. Es war Anfang Herbst und daher schon etwas kühl, es nieselte leicht, alles war nass, meine offenen Arbeitsschuhe waren in kürzester Zeit komplett durchnässt, matschig und voller Blätter.

Mir wurde kalt und ich war völlig fertig, aber doch spürte ich das Adrenalin in mir. In meinem Kopf spielten sich tausend Szenarien ab. Was, wenn Frau M. etwas zugestoßen war? Sie gestürzt war und wir sie nicht rechtzeitig fanden? Müssten wir die Polizei rufen? Trotzdem versuchte ich ruhig zu bleiben. Der Weg hier hinauf in das Wäldchen wäre doch viel zu steil für Frau M., das würde sie nicht schaffen, das konnte einfach nicht sein. Durchatmen, weiterüberlegen. Ich kehrte um in der Hoffnung, dass Julia Frau M. mittlerweile gefunden hatte. Tja, dasselbe hatte Julia auch von mir gedacht. Denn nach wie vor fehlte jede Spur von der Ausreißerin. Langsam fiel es uns schwer, noch einen klaren Gedanken fassen, die Aufregung war fast nicht mehr auszuhalten. Was, wenn Frau M. wirklich nicht mehr auffindbar und ihr etwas passiert war?

In diesem Moment kam unser ehemaliger Abteilungsleiter auf die Station: »Guten Morgen, was ist denn hier passiert? Warum seids denn so aufgeregt?« »Herr Primarius, uns ist eine Patientin abgängig, Frau M., was soll ma denn jetzt machen? Eigentlich ist sie orientiert, kann aber derzeit kaum gehen?!« »Jetzt bleibts mal ruhig, habts schon überall nachgeschaut?«, fragte er. »Ja, wir haben alle Stationen angerufen und alles abgesucht, ich war sogar hinterm Krankenhaus, dort oben beim kleinen Wald, aber sie ist nicht zu finden. Sollt ma jetzt die Polizei rufen?« Da kam auch unsere Pflegedirektorin auf die Station, wir schilderten ihr ebenfalls die Situation. Auch sie versuchte uns zu beruhigen. Mittlerweile war es 06:00 Uhr und der Frühdienst begann mit der Medikamentenausgabe.

Da rief ein Kollege: »Hey, ihr suchts doch eine Patientin, oder? Ich glaub, die liegt hier drinnen.« Wir stürmten ins Zimmer 13 – und tatsächlich: Frau M. schlief seelenruhig in einem der Betten. Jetzt war auch klar, warum wir sie nicht gefunden hatten – es war ein Männerzimmer! Wir hatten nicht daran gedacht, dort zu suchen. Aber egal, wir waren extrem erleichtert, dass Frau M. gefunden worden war, und zugleich auch fassungslos, dass sie die ganze Zeit über nur zwei Zimmer von ihrem eigentlichen entfernt gewesen war. »Guten Morgen, Frau M., wissen Sie, dass Sie nicht in Ihrem Zimmer sind?« »Guten Morgen … ach tatsächlich? Wo bin ich denn? Ich musste wohl aufs WC in der Nacht.« »Wir haben Sie überall gesucht und wollten schon die Polizei rufen! Aber jetzt sind wir sehr froh, dass Sie wohlauf sind.« Am Ende waren wir einfach nur erleichtert. Doch dieses Erlebnis werden meine Kollegin Julia und ich wohl nie vergessen.

TAMARA JANISCH
ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin und arbeitet auf der Station D der Klinik Güssing.