RETTET DIE REAGENZIEN!

Martina Jäckle-Weber

… vor der lang ersehnten Kaffeepause rasch noch eine letzte Auswertung freigeben – und plötzlich passiert es: Alles wird finster und um mich herum ist nichts als komplette Stille. Für gewöhnlich ist es in einem Labor eigentlich nicht so still. Die Analysegeräte rattern, Flüssigkeiten werden durch Schläuche und Ventile gezogen, Kompressoren brummen und piepsende Signale ertönen. Sie melden das Ende von Prozessabläufen, an die dann wiederum weitere Bearbeitungsprozesse anzuschließen sind. Und immer ist alles hell erleuchtet, um die abgelaufenen Reaktionen besser zu beurteilen.

Die Labordiagnostik spielt eine zentrale Rolle in der modernen Medizin. Sie ermöglicht die frühzeitige Erkennung, Überwachung und zielgerichtete Therapie von Krankheiten. Die Auswertungen des Labors beruhen unter anderem auf der Untersuchung bestimmter Stowechselprozesse, die auf Veränderungen im Körper hindeuten. So entstehen, beispielsweise bei einem Herzinfarkt, charakteristische chemische Substanzen, die im Labor nachgewiesen werden können, um eine ärztliche Diagnose zu erleichtern oder zu bestätigen. Zellstrukturen, die bei bestimmten Erkrankungen auftreten, können mittels Lasertechnologie erkannt werden. Hierbei macht das Labor Vorgänge im menschlichen Körper sichtbar, die von außen nicht zu erkennen sind – obwohl das Labor selbst meist im Hintergrund bleibt. Neben der Anamnese und den ärztlichen Untersuchungen stellt der Laborbefund als Ergebnis der klinisch-chemischen Analyse das dritte wesentliche Standbein beim Erstellen der Diagnose dar. Hierzu ist auch die gute Kommunikation mit den anderen Abteilungen ein Muss, was unserem Beruf eine starke soziale Komponente verleiht, die man vielleicht nicht auf den ersten Blick vermuten würde.

In den letzten 50 Jahren haben sich die Untersuchungsmethoden in der biomedizinischen Analytik durch technische Fortschritte erheblich verändert. Modernste Geräte zur molekularen Diagnostik von Viren kommen heute zum Einsatz und spätestens seit Covid ist PCR (Polymerase-Kettenreaktion) ein allgemein bekannter Begriff. Aber gewisse Dinge lassen sich trotzdem nicht automatisieren. Die Beurteilung von Leukämiezellen erfolgt auch heute noch durch das geschulte Auge beim Blick durch das Mikroskop. Es ist ein sehr spannender und vielfältiger Beruf, der ständig am Puls der Zeit ist. Die Tätigkeit vermittelt das Gefühl, viel zur Genesung von Patient*innen beizutragen, obwohl nicht direkt am Patient*innenbett gearbeitet wird.

Meine Arbeit im Labor ist also ohnehin sehr abwechslungsreich. Aber ein Tag wird mir ganz besonders in Erinnerung bleiben: Es war inmitten der Covid-Pandemie und das öffentliche Leben stand still. Auf den Straßen waren hauptsächlich „systemrelevante Arbeitnehmer*innen“ mit Genehmigungen unterwegs. Auch ich machte mich auf den Weg ins Labor und schon während der Fahrt beschlich mich ein eigenartiges Gefühl, mein Auto war das einzige weit und breit, das unterwegs war. Doch im Labor angekommen war alles wie gewohnt. Die Analysegeräte ratterten und bildeten die vertraute Geräuschkulisse im Raum. Alles war vom gleißenden Licht der Neonröhren erhellt.

Doch von einer Sekunde auf die andere: alles still und finster. Ich befand mich alleine im Spätdienst des Zentrallabors. Mir wurde heiß, das Herz klopfte mir bis zum Hals, ich kniff die Augen zusammen und versuchte mich in der Dunkelheit zu orientieren. Und nur wenige Augenblicke später war mir klar: Soeben ist ein Super-GAU in unserem hochtechnisierten Labor eingetreten! KOMPLETTER STROMAUSFALL – trotz aller technischen Sicherheitsvorkehrungen. Sehr vorsichtig machte ich mich auf den Weg, um die Notfalltaschenlampe zu holen. Dabei hatte ich eine Hand sicherheitshalber vor mir ausgestreckt, mit der anderen zog ich das Telefon aus meiner Jacke, um beim Portier nachzufragen, was gerade passiert war. Wie sich schnell herausstellte, betraf der Stromausfall das gesamte Krankenhaus und unsere Haustechniker waren bereits alarmiert worden. Ich schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel, dass jetzt niemand zur Notfallversorgung mit Blutkonserven eingeliefert würde. Doch auf einmal riss mich ein schriller Warnton aus den Gedanken – es waren die Kühl- und Gefrierschränke, die schon jetzt auf den Temperaturanstieg reagierten. In zwei von ihnen lagerten Reagenzien im Wert von vielen tausend Euro, die zur Austestung von Covid-Viren aktuell dringend benötigt wurden. Es wäre eine absolute Katastrophe, wenn diese auftauten und somit unbrauchbar würden. Es war bereits äußerst schwierig gewesen, diese zu beschaffen, da aufgrund der gestiegenen Nachfrage die Firmen mit der Produktion kaum nachkamen. Ich versuchte mich zu beruhigen und suchte weiter: Da sah ich in der Dunkelheit an einem Gerät eine kleine Funktionslampe aufleuchten. Hier musste also eine Steckdose mit funktionierender Notstromversorgung versteckt sein! Schnell schlussfolgerte ich, dass, wenn ein Stromkreis wieder funktionierte, noch weitere zu finden sein müssten. Daraufhin packte ich ein kleineres Gerät auf einen Schreibtischsessel und rollte damit auf der Suche nach Strom durch das Labor. Ich probierte eine Steckdose nach der anderen durch. Und siehe da: Ich konnte tatsächlich einige finden. Doch nur das löste meine Probleme noch nicht. Ich stand vor der Frage, wie ich die schweren Gefrierschränke zu den funktionierenden Steckdosen bringen könnte. Schließlich kontaktierte ich unsere Techniker, die natürlich angesichts der Lage sehr im Stress waren und sozusagen selbst „unter Strom“ standen. Ich bat sie um Rollen mit Verlängerungskabeln. Trotz allem wurden mir diese innerhalb kürzester Zeit auch gebracht und ich konnte die Stromversorgung der Gefrierschränke und der Kühlschränke für die Blutkonserven wiederherstellen. Unserer Haustechnik ist es dann in unglaublichen zwei Stunden gelungen, im Leitungsdschungel des Krankenhauses, gut versteckt in einer Zwischendecke, die Ursache des Ausfalls zu finden und zu beheben. Am Ende ging alles gut aus und es kam zu keinerlei Folgeschäden.

Obwohl es in meinem Beruf als biomedizinischer Analytikerin oft sehr turbulent und stressig zugeht, würde ich ihn jederzeit wieder ergreifen. Es ist ein gutes Gefühl, am Ende eines Arbeitstages, wenn ich aus dem Laborfenster auf den wunderschönen See in Güssing blicke, zu wissen, dass man den Heilungsprozess eines Patienten oder einer Patientin durch die Bereitstellung von Blutkonserven für die Operation gewährleistet hat. Es erfüllt mich auch mit Stolz, wenn durch die Arbeit im Labor die richtige Diagnose gefunden und somit die passende Therapie für Patient*innen angestoßen werden kann.

MARTINA JÄCKLE-WEBER
ist biomedizinische Analyti kerin und arbeitet im Labor der Klinik Güssing.