„Das geht mir an die Nieren“ – diese Redewendung zeigt, wie zentral dieses Organ für unseren Körper ist. Doch was belastet die Nieren tatsächlich, und wie können wir sie schützen? Antworten darauf gibt Dr.in Andersson-Farkas von der Abteilung für Innere Medizin an der Klinik Oberpullendorf.
Multitalente im Verborgenen
Die Nieren leisten täglich Enormes: Rund 1.800 Liter Blut werden gefiltert, etwa 1,5 Liter Harn ausgeschieden. Dabei entfernen sie Giftstoffe und überschüssiges Wasser, regulieren den Salzhaushalt sowie den Säure-Basen-Haushalt und spielen eine wichtige Rolle bei der Blutdrucksteuerung. Diese erfolgt über das Hormon Renin. Gleichzeitig schädigt Bluthochdruck langfristig die feinen Filterstrukturen der Nieren – ein gefährlicher Kreislauf.
Darüber hinaus produzieren die Nieren Hormone wie Erythropoetin, welches die Blutbildung anregt, und aktivieren Vitamin D, das für den Knochenstoffwechsel essenziell ist. „Grundsätzlich kann der Mensch auch mit nur einer Niere leben“, erklärt die Expertin. Das zeigt sich etwa bei Lebendspenden. Spenderinnen und Spender werden vor dem Eingriff sorgfältig untersucht.
Schleichende Entwicklung
Nierenprobleme entwickeln sich oft schleichend. Symptome treten meist erst in fortgeschrittenen Stadien auf. Die Niereninsuffizienz wird in fünf Stadien eingeteilt – viele Betroffene bemerken erste Beschwerden erst im vierten Stadium. Im Endstadium ist eine Dialyse notwendig. Eine beginnende Nierenschwäche lässt sich meist nur durch Blut- und Harnuntersuchungen erkennen. Besonders wichtig sind regelmäßige Kontrollen für Risikogruppen, etwa bei Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht oder nach Schwangerschaftskomplikationen wie Präeklampsie. Typische Warnzeichen wie Müdigkeit, Übelkeit, geschwollene Beine oder Juckreiz treten erst spät auf. Auffälliger Urin – etwa Schaum (Hinweis auf Eiweiß) oder Blut – sollte immer abgeklärt werden.
Behandlung und Betreuung
Je früher eine Nierenerkrankung erkannt wird, desto besser lässt sich ihr Fortschreiten bremsen. Ziel ist es, eine Dialyse möglichst lange hinauszuzögern. Diese ist zeitintensiv, kann aber durch verschiedene Verfahren – auch zu Hause – durchgeführt werden. Die beste Form der Nierenersatztherapie bleibt die Transplantation. Hausärztinnen und Hausärzte sind meist die erste Anlaufstelle. Urologinnen und Urologen behandeln vor allem strukturelle Probleme wie Nierensteine oder Harnwegsinfekte, während sich die Nephrologie mit funktionellen Erkrankungen der Niere beschäftigt.
Richtig trinken – aber nicht zu viel
Entgegen der weit verbreiteten Meinung ist „viel trinken“ nicht automatisch besser. „Das ist ein Mythos“, so Andersson-Farkas. Für gesunde Erwachsene sind etwa 1,5 bis 2 Liter täglich ausreichend. Bei Hitze, Krankheit oder körperlicher Belastung kann der Bedarf steigen. Am besten geeignet sind Wasser und ungesüßte Getränke. Ab etwa 4 Litern pro Tag kann es jedoch problematisch werden: Eine sogenannte Wasservergiftung kann entstehen, bei der wichtige Körpersalze verdünnt werden und die Nieren überfordert sind.
Lebensstil als Schlüssel
Der wichtigste Schutz für die Nieren ist ein gesunder Lebensstil: ausgewogene Ernährung, Normalgewicht, ausreichend Bewegung (mindestens 150 Minuten pro Woche) und vor allem Rauchverzicht. „Rauchen schadet allen Organen – den Nieren ganz besonders“, betont die Ärztin. Auch bei der Einnahme bestimmter Medikamente, etwa entzündungshemmender Mittel, sollte die Nierenfunktion regelmäßig kontrolliert werden. Empfohlen wird eine eher salzarme, pflanzenbasierte Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Hülsenfrüchten sowie weniger Fleisch und tierischen Fetten. Bei bereits eingeschränkter Nierenfunktion müssen bestimmte Mineralstoffe wie Kalium und Phosphat individuell berücksichtigt werden.
Mehr Aufmerksamkeit für die Nieren
Die Sensibilität für Nierenerkrankungen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Früher wurden viele Betroffene erst im Endstadium diagnostiziert – heute gelingt die Früherkennung wesentlich häufiger. Der wichtigste Appell bleibt: regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, insbesondere Blutdruckmessung sowie Blut- und Harnkontrollen – mindestens einmal pro Jahr. Seit mehr als einem Jahr gibt es die Nierenambulanz an der Klinik Oberpullendorf, eine Anlaufstelle speziell für Risikopatient*innen.

