„Das Blutbild ist eines der ältesten medizinischen Instrumente, um rasch einen Überblick über den Gesundheitszustand eines Menschen zu gewinnen – ursprünglich wurde dafür ein einzelner Tropfen Blut unter dem Mikroskop betrachtet“, wirft Dr.in Veronika Matzi in der Radio Burgenland Sprechstunde einen Blick zurück in die Vergangenheit.
Das Blutbild heute liefert maßgebliche Informationen über unser Blut. Blut besteht aus flüssigen und festen Bestandteilen. Das Blutbild gibt Auskunft über die festen Bestandteile: die roten Blutkörperchen, die unter anderem für den Sauerstofftransport im Körper verantwortlich sind und sicherstellen, dass alle Organe ausreichend versorgt werden; die weißen Blutkörperchen, die eine zentrale Rolle in der Immunabwehr spielen und unterschiedliche Aufgaben übernehmen; sowie die Blutplättchen, die für die Blutgerinnung sorgen und verhindern, dass wir verbluten.
Im Blutbild lassen sich Eigenschaften dieser Blutzellen beurteilen – etwa ihre Anzahl, mögliche Erhöhungen oder Verminderungen, Veränderungen in Form oder Farbe sowie ihre Funktionsfähigkeit oder ein eventueller Mangel.
Grundsätzlich wird zwischen einem kleinen und einem großen Blutbild unterschieden. Das kleine Blutbild liefert Informationen über Anzahl, Form und grundlegende Funktion der Blutzellen. Das große, sogenannte Differentialblutbild, geht noch detaillierter auf die einzelnen Zellarten und deren Eigenschaften ein.
Rasche Einschätzung des Gesundheitszustands
Das Blutbild ermöglicht eine rasche Einschätzung des Gesundheitszustands von Patient*innen. Dennoch darf man nicht davon ausgehen, dass es allein alle relevanten Informationen liefert. „Es gibt Erkrankungen, bei denen das Blutbild unauffällig ist, obwohl die Betroffenen schwer krank sind. Umgekehrt gibt es Krankheitsbilder – etwa Leukämien oder Anämien –, bei denen sich bereits im Blutbild sehr früh und deutlich wichtige Hinweise finden lassen“, so die Expertin.
Entscheidend ist daher, dass bei jeder Blutuntersuchung klar ist, warum sie durchgeführt wird und welche Fragestellung beantwortet werden soll. Dem müssen eine gründliche klinische Untersuchung sowie eine ausführliche Anamnese vorausgehen. „Der Glaube, allein durch regelmäßig unauffällige Blutbilder gesund zu sein, ist ein Irrtum“, warnt die Medizinerin.
Hochspezialisiertes und leistungsstarkes Netzwerk
Der Laborverbund der Gesundheit Burgenland ist ein hochspezialisiertes und leistungsstarkes Netzwerk. In allen vier Kliniken stehen über kurze Wege rasch spezialisierte Laboruntersuchungen zur Verfügung. In vielen medizinischen Fachrichtungen – etwa in der Pädiatrie oder Gynäkologie – ist das Labor von zentraler Bedeutung. „Chirurginnen benötigen Laborwerte, um zu entscheiden, ob ein Patient operiert werden kann. Onkologinnen wiederum beurteilen anhand der Befunde, ob eine Chemotherapie oder andere Medikamente verabreicht werden dürfen, ob Leber und Nieren ausreichend funktionieren und wie Nebenwirkungen überwacht werden können“, verdeutlich die Ärztliche Direktorin. Ohne Laboranalysen und Blutuntersuchungen wäre die moderne Medizin in dieser Form nicht denkbar.
Ein deutlicher Unterschied besteht zwischen Laborbefunden im Krankenhaus und routinemäßigen Kontrollen im Rahmen der Vorsorge beim niedergelassenen Arzt. Bei Vorsorgeuntersuchungen werden nach Anamnese und klinischer Untersuchung bestimmte Basiswerte erhoben, um einen Überblick über den allgemeinen Gesundheitszustand zu erhalten – dazu zählen unter anderem Leber- und Nierenwerte sowie das Blutbild. Besteht jedoch ein konkreter Verdacht oder eine spezielle Fragestellung, sind gezieltere und weiterführende Laboruntersuchungen notwendig.
In der Klinik Oberwart werden bei stationären Patient*innen nicht routinemäßig alle Laborwerte bestimmt, sondern gezielt jene, die zur jeweiligen Erkrankung oder Fragestellung passen. So werden etwa in der Chirurgie nach einer Operation nicht sämtliche Werte kontrolliert, da viele davon bereits im Vorfeld erhoben wurden. „Der Fokus liegt dann auf Entzündungsparametern, dem Blutbild, möglichem Blutverlust und der Frage, ob Blutersatzprodukte notwendig sind. Müssen starke Antibiotika verabreicht werden, werden gezielt Leber- und Nierenwerte überwacht, da diese Medikamente die Organe belasten können“, erklärt Dr.in Matzi.
Vorsorge mittels Blutbild
Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung werden unter anderem Leberwerte sowie der Fettstoffwechsel erhoben, etwa der Cholesterinspiegel. Viele Menschen kennen dabei das sogenannte „gute“ und „schlechte“ Cholesterin. Dennoch gilt auch hier: Laborwerte allein reichen nicht aus, sie müssen immer im Zusammenhang mit den klinischen Faktoren und dem individuellen Gesundheitszustand beurteilt werden.
Zeigen sich auffällige Werte – beispielsweise ein erhöhter Cholesterinspiegel –, ist eine weiterführende internistische Abklärung sinnvoll. Dazu zählen Untersuchungen des Herzens sowie Ultraschalluntersuchungen der Halsgefäße, um festzustellen, ob die erhöhten Werte bereits zu Schäden im Körper geführt haben.
In vielen Fällen sind Medikamente allein nicht ausreichend. Gerade bei erhöhtem Cholesterin können Betroffene durch eine bewusste Ernährungsumstellung und regelmäßige Bewegung selbst wesentlich zur Verbesserung ihrer Werte beitragen.
Vorsicht vor Dr. Google
Viele Patient*innen verlassen sich stark auf Informationen aus dem Internet. Das ist kritisch zu sehen, denn für medizinische Laien lässt sich oft nicht beurteilen, welche Untersuchungen tatsächlich sinnvoll sind. Hausärzt*innen, die ihre Patient*innen in der Regel gut kennen, können am besten einschätzen, welche Laboruntersuchungen notwendig sind. Im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung wird zunächst ein Überblick gewonnen. Anhand dieser Ergebnisse lässt sich erkennen, ob weitere Abklärungen erforderlich sind und ob eine Überweisung zu Fachärzt*innen oder ins Krankenhaus sinnvoll ist.
„Nicht in jeder Situation ist ein Labor notwendig, und nicht immer liefern Laborwerte zusätzliche hilfreiche Informationen. Der richtige Weg führt daher immer zuerst über die Hausärztin oder den Hausarzt, die bei Bedarf gezielt weiterverweisen“, betont die Medizinerin.
Ein häufiger Irrtum sei auch die Annahme, dass man in der Notaufnahme schneller oder umfassender untersucht wird. Auch dort gilt der Grundsatz, nur jene Laboruntersuchungen durchzuführen, die für die akute Fragestellung notwendig sind. „Würden jedes Mal sämtliche Untersuchungen veranlasst, müssten Patient*innen mit Wartezeiten von mehreren Stunden rechnen“, so Matzi.
Erythrozyten, Leukozyten, CRP, Gamma-GT und Tumormarker
Grundlegende Kenntnisse über das eigene Blutbild sind für jede Person von Bedeutung. Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) geben unter anderem Auskunft über die Durchblutung sowie die Sauerstoffversorgung des Körpers.
Die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) spielen eine zentrale Rolle im Immunsystem. Liegen ihre Werte außerhalb des Normbereichs – also deutlich erhöht oder erniedrigt –, kann dies auf eine schwerwiegende Entzündung oder in manchen Fällen auch auf eine Tumorerkrankung hinweisen.
Das C-reaktive Protein (CRP) wird in der Regel routinemäßig mitbestimmt. Dabei handelt es sich um einen unspezifischen Entzündungsparameter, der Hinweise auf entzündliche Prozesse im Körper liefern kann und gelegentlich auch im Zusammenhang mit Tumorerkrankungen erhöht ist.
Gamma-GT zählt zu den Leberwerten. Erhöhte Werte können verschiedene Ursachen haben und sind nicht zwangsläufig auf einen erhöhten Alkoholkonsum zurückzuführen. „Bei manchen Menschen ist der Gamma-GT dauerhaft erhöht, ohne dass eine krankhafte Bedeutung vorliegt“, betont die Expertin.
Häufig würden sogenannte Tumormarker falsche Hoffnungen wecken. Zwar gäbe es Laborwerte, die auf das Vorliegen eines Tumors hinweisen können, ihre Aussagekraft sei jedoch vor allem im Verlauf und zur Verlaufskontrolle relevant. Als alleinige Screening- oder Diagnoseparameter seien Tumormarker nur eingeschränkt geeignet.
Vorsicht vor Interpretationsfehlern
Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass ein Laborbefund stets eine Momentaufnahme darstellt und von zahlreichen Einflussfaktoren abhängt. Bereits einfache Umstände, z.B. eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr am Untersuchungstag, können einzelne Laborwerte verändern und zu Abweichungen vom Normbereich führen. Laborergebnisse müssen daher immer im Zusammenhang mit dem klinischen Zustand der Patientin oder des Patienten interpretiert werden. Eine gründliche Anamnese sowie die körperliche Untersuchung sind dabei von zentraler Bedeutung. Ein unauffälliger Laborbefund bedeutet nicht automatisch Gesundheit, ebenso wenig weist ein einzelner auffälliger Wert zwangsläufig auf eine schwerwiegende Erkrankung hin.
Die Interpretation von Laborwerten sollte stets gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt erfolgen, um eine fachlich korrekte Einordnung zu gewährleisten. Nicht selten stellen sich Personen mit stark auffälligen Laborwerten vor, die zunächst große Sorge auslösen, sich im Gesamtkontext jedoch als klinisch unbedenklich erweisen. Alle Werte müssen immer im Zusammenhang betrachtet werden.
Darüber hinaus ist auch die Möglichkeit eines Laborfehlers zu bedenken. Bei deutlich abweichenden oder unerwarteten Ergebnissen empfiehlt es sich daher, die betreffenden Werte durch eine Kontrolluntersuchung zu überprüfen.
Kontinuierliche Fort- und Weiterbildung
Eine korrekte Interpretation des Blutbildes ist von großer Bedeutung und zählt zu den grundlegenden Inhalten, die bereits früh im Medizinstudium vermittelt werden. Dennoch ist dieses Wissen niemals abgeschlossen. Durch moderne diagnostische Möglichkeiten und neue wissenschaftliche Erkenntnisse über Krankheitsbilder ist kontinuierliche Fort- und Weiterbildung unerlässlich.
Viele medizinische Einschätzungen haben sich im Laufe der Jahre deutlich verändert. Ein Beispiel dafür ist das Cholesterin. „Während zu Beginn meiner ärztlichen Tätigkeit ein Gesamtcholesterinwert von bis zu 250 mg/dl als normal galt, liegt der empfohlene Zielwert heute bei 200 mg/dl oder sogar darunter“, erklärt Dr.in Matzi. Auch die Differenzierung in HDL- und LDL-Cholesterin, die lange Zeit als Standard galt, würde derzeit zunehmend kritisch hinterfragt.
Aktuelle Entwicklungen, etwa im Bereich der Longevity-Forschung und der präventiven Medizin, zeigen, dass zusätzliche Parameter herangezogen werden können, um Gesundheitsrisiken noch differenzierter zu beurteilen. Auch in der Kardiologie stehen mittlerweile Laborwerte zur Verfügung, mit denen sich das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Gefäßverkalkungen deutlich präziser einschätzen lässt.
Dieses dynamische Feld unterstreicht, wie rasch sich medizinisches Wissen weiterentwickelt – und dass auch Ärztinnen und Ärzte gefordert sind, ihr Wissen kontinuierlich zu erweitern und an neue Erkenntnisse anzupassen.
Spezialisierte Laboruntersuchungen
In den vergangenen Jahren hat die Zahl spezialisierter Laboruntersuchungen stark zugenommen. „Immer häufiger kommen Menschen mit umfangreichen, teils zehn Seiten langen Laborbefunden zu uns in die Klinik“, erzählt die Medizinerin. Dabei stelle sich jedoch die zentrale Frage, wie sinnvoll diese Vielzahl an Werten ist, wer sie fachgerecht interpretiert und welchen konkreten Nutzen sie für die Patientin oder den Patienten haben.
Sinnvoll seien jene Untersuchungen, bei denen ein klarer medizinischer Mehrwert besteht. Dazu zählen beispielsweise der Vitamin-D-Spiegel, der eine wichtige Rolle im Immunsystem spielt, oder der Selenspiegel. Österreich gilt als Selenmangelgebiet, weshalb ein Mangel in der Bevölkerung relativ häufig vorkommt.
Grundsätzlich sollten nur jene Laboruntersuchungen durchgeführt werden, die auch therapeutische Konsequenzen nach sich ziehen können. Werden Auffälligkeiten festgestellt, ist es entscheidend, dass auch die Bereitschaft besteht, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen – sei es in Form einer Therapie, einer Ernährungsumstellung oder anderer lebensstilbezogener Anpassungen, etwa bei Störungen des Fettstoffwechsels.
Private Untersuchungen im Labor
In den vergangenen Jahren ist Zahl von Laboranalysen ohne ärztliche Begleitung oder eigenständiger Proben in Laboren, häufig auf Empfehlung von Heilpraktiker*innen, Energetiker*innen oder ähnlicher Anbieter*innen, zunehmend modern geworden. „Nicht selten investieren Menschen dafür mehrere hundert Euro, erhalten anschließend umfangreiche Befunde, jedoch ohne eine fachkundige Erklärung oder Einordnung der Ergebnisse“, warnt die Ärztin.
Aus medizinischer Sicht sollten Laboruntersuchungen grundsätzlich in ärztlicher Verantwortung liegen. Nur Ärztinnen und Ärzte verfügen über die notwendige Ausbildung, um Laborwerte im klinischen Gesamtzusammenhang zu interpretieren und ihre tatsächliche Relevanz richtig einzuschätzen. Frei nach dem Motto: „Wer viel misst, misst viel Mist“ gilt, dass eine große Anzahl an Untersuchungen allein keinen zusätzlichen Nutzen bringt. Ohne ärztliche Begleitung sind umfangreiche Analysen in der Regel wenig zielführend.
Dies gilt ebenso für die Einnahme von Vitaminpräparaten. „Der gezielte Ausgleich nachgewiesener Mängel ist sinnvoll und medizinisch begründet. Der weitverbreitete Glaube, dass eine hohe Zufuhr von Vitaminen grundsätzlich gesundheitsfördernd sei, ist jedoch ein Irrtum. Eine übermäßige oder falsch dosierte Einnahme kann im Gegenteil gesundheitliche Risiken bergen und unter bestimmten Umständen sogar die Entstehung von Erkrankungen, einschließlich Tumorerkrankungen, begünstigen“, so die Expertin.
Blutbefunde aufbewahren – und wenn ja, wie lange?
In Zeiten von ELGA wäre das Aufbewahren von Laborbefunden grundsätzlich nicht mehr zwingend erforderlich. Allerdings ist die Speicherung von Daten noch nicht überall vollständig und lückenlos umgesetzt. Daher ist es durchaus sinnvoll, vorhandene Labor- und Blutbefunde zu Arztterminen mitzunehmen.
Frühere Werte ermöglichen wichtige Vergleichsmöglichkeiten: Ist ein auffälliger Befund neu aufgetreten oder zeigt sich bereits eine längerfristige Entwicklung? Diese Verlaufsperspektive unterstützt die ärztliche Einschätzung, wie relevant eine Abweichung ist und in welchen Abständen eine Kontrolle erforderlich sein sollte.

