Wann wird Krebs heilbar sein?

Primarius Martin Pichler in der Magistrale der Klinik Oberwart
Wie ist der aktuelle Stand der Krebsmedizin und welche Prognosen gibt es? Antworten darauf gibt Primarius Dr. Martin Pichler, Vorstand der Abteilung für Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin an der Klinik Oberwart.

Die Zahl der Krebserkrankungen steigt weltweit kontinuierlich an. Gleichzeitig verbessert sich jedoch auch die Überlebensrate – insbesondere in hochentwickelten Ländern. „Die Diagnose Krebs trifft viele Menschen nach wie vor völlig unerwartet. Insofern bleibt die Erkrankung für viele ein Schreckgespenst. Tatsächlich jedoch ist Krebs heute deutlich besser behandelbar als noch vor wenigen Jahrzehnten. Wird eine Krebserkrankung frühzeitig erkannt, ist sie in vielen Fällen heilbar“, betont Primarius Dr. Martin Pichler, Onkologe und Vorstand der Abteilung für Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin an der Klinik Oberwart, in der Radio Burgenland Sprechstunde.

Die psychische Verfassung spielt im Umgang mit einer Krebserkrankung eine entscheidende Rolle. Sie beeinflusst sowohl die Lebensqualität als auch die Prognose. Eine stabile Psyche hilft, Nebenwirkungen von Therapien besser zu bewältigen und mit Diagnose, Operation, Chemotherapie oder Bestrahlung umzugehen. Umgekehrt kann eine schlechte psychische Verfassung Ängste oder Depressionen begünstigen. Daher ist die psychologische Begleitung ein wichtiger Bestandteil der ganzheitlichen Behandlung. In der Klinik Oberwart stehen dafür speziell geschulte Psycholog*innen zur Verfügung, die Patient*innen ergänzend zur medizinischen Therapie betreuen.

Prognosen deutlich besser

Dank intensiver Forschung und zahlreicher klinischer Studien hat sich die Prognose vieler Krebserkrankungen in den letzten Jahrzehnten erheblich verbessert. „Ein Beispiel ist der schwarze Hautkrebs. Selbst in fortgeschrittenen Stadien gelingt es heute, etwa die Hälfte der Betroffenen in eine chronische stabile Krankheitssituation zu überführen. Das bedeutet, sie leben oft zehn bis fünfzehn Jahre mit der Erkrankung – und darüber hinaus“, macht der Onkologe Hoffnung. Andere Krebsarten blieben jedoch therapeutisch herausfordernd, etwa Bauchspeicheldrüsenkrebs oder bestimmte Hirntumoren. Hier seien die Behandlungsmöglichkeiten nach wie vor begrenzt.

Impfungen gegen Krebs

Einige Krebsarten können durch Impfungen verhindert werden, da ihre Entstehung auf Virusinfektionen zurückzuführen ist. Dazu zählen beispielsweise die Hepatitis-B-Impfung zur Vorbeugung von Leberzellkrebs und die HPV-Impfung (Humanes Papillomavirus), die Gebärmutterhalskrebs sowie bestimmte Tumoren im Kopf-Hals-Bereich verhindern kann. Durch die Entwicklungen im Zuge der Corona-Pandemie wurden neue Impfstofftechnologien vorangetrieben, die nun auch in der Krebsmedizin Anwendung finden. Zukünftig könnten therapeutische Impfstrategien eine zusätzliche Behandlungsoption darstellen.

Personalisierte Medizin

In der Krebsbehandlung hat sich in den vergangenen 15 bis 20 Jahren ein grundlegender Wandel vollzogen. Früher gab es für alle Krebspatient*innen eine Art der Chemotherapie. Häufig ging diese mit erheblichen Nebenwirkungen und begrenzter Wirksamkeit einher. „Heute wird jede Krebserkrankung vor Therapiebeginn genetisch analysiert. Die Behandlung wird individuell auf das molekulare Profil des Tumors abgestimmt“, erklärt der Experte. Zu den zentralen Säulen der modernen medikamentösen Tumortherapie zählen:

  • klassische, heute deutlich besser verträgliche Chemotherapien
  • Immuntherapien, die das eigene Immunsystem gezielt gegen Krebszellen aktivieren
  • zielgerichtete Therapien, die spezifische genetische Veränderungen ausnutzen

Diese personalisierte Medizin ermöglicht in vielen Fällen langanhaltende Krankheitskontrolle – teils über Jahre hinweg. Auch Nebenwirkungen sind heute deutlich besser behandelbar. Übelkeit, Müdigkeit oder Durchfälle lassen sich zunehmend effektiv kontrollieren, wodurch viele Therapien vergleichsweise gut verträglich sind.

Gut versorgt im Burgenland

Österreich verfügt über ein sehr gut ausgebautes Gesundheitssystem mit bundesweit einheitlichen Standards. Auch im Burgenland erhalten Krebspatient*innen Zugang zu modernsten Therapien – vergleichbar mit jenen in Deutschland oder den USA. Zwar seien neue Medikamente kostenintensiv, doch das österreichische Gesundheitssystem übernehme diese Therapien.

Im Burgenland besteht ein engmaschiges Netzwerk onkologischer Versorgung: Neben der Klinik Oberwart sind auch die Kliniken Kittsee, Oberpullendorf, Güssing sowie das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Eisenstadt (bei bestimmten Fragestellungen) eingebunden. In wöchentlichen Tumorboards werden komplexe Fälle interdisziplinär besprochen und zentral koordiniert. „So wird gewährleistet, dass Patient*innen wohnortnah Spitzenmedizin erhalten“, freut sich Primarius Martin Pichler.

Eine moderne onkologische Abteilung bietet mehr als nur medizinische Therapie. In der Klinik Oberwart stehen zusätzlich Diätolog*innen für Ernährungsberatung, Psycholog*innen für die seelische Unterstützung, Pharmazeut*innen für sichere Medikamentenversorgung sowie Physio- und Ergotherapeut*innen zur Förderung der körperlichen Fitness bereit.

Vorsorge und Früherkennung

Bewegung ist sowohl in der Prävention als auch während der Therapie ein entscheidender Faktor. Studien zeigen, dass regelmäßige körperliche Aktivität die Prognose positiv beeinflussen kann. Früherkennung ist ein zentraler Baustein im Kampf gegen Krebs. Je früher eine Erkrankung entdeckt wird, desto höher sind die Heilungschancen. Wichtige Vorsorgeprogramme sind unter anderem:

  • Darmkrebs-Vorsorge („Spiegelung“) ab etwa 45 Jahren
  • Mammografie-Screening für Frauen ab dem 40. Lebensjahr
  • Hautkrebs-Untersuchungen bei Risikogruppen/auffälligen Muttermalen

Zudem sei die Abklärung anhaltender Symptome, etwa chronischer Husten, ratsam. Leider würden Vorsorgeuntersuchungen noch zu selten in Anspruch genommen. Kontinuierliche Aufklärung bleibt daher essenziell.

„Nicht jede Krebserkrankung lässt sich verhindern. Dennoch könnten schätzungsweise bis zu 50 Prozent aller Fälle durch einen gesunden Lebensstil vermieden werden“, betont der Onkologe. Zu den wichtigsten Risikofaktoren zählen Rauchen (nicht nur für Lungenkrebs, sondern auch für zahlreiche andere Tumorarten), Bewegungsmangel, ungesunde, fleischreiche und gemüsearme Ernährung sowie übermäßiger Alkoholkonsum. Ein bewusster Lebensstil trägt wesentlich zur Krebsprävention bei.

Künstliche Intelligenz in der Onkologie

Künstliche Intelligenz wird die Medizin zunehmend unterstützen – etwa bei der Auswertung radiologischer oder pathologischer Befunde sowie bei der Erstellung von Prognosen und Therapieempfehlungen. „Ärztinnen und Ärzte wird die KI in absehbarer Zeit nicht ersetzen können, denn das therapeutische Gespräch kann eine KI nicht in dieser Form durchführen“, ist sich der Abteilungsvorstand sicher. Die persönliche Betreuung bleibt ein zentraler Bestandteil der Krebsbehandlung. „Dr. Google“ sei kein Ersatz für eine fachärztliche Beratung, dort werden auch viele Fehl- und Falschinformationen verbreitet.

Innovative Therapieformen

Die Krebsbehandlung entwickelt sich stetig weiter. Bei einigen Tumorarten sind selbst in fortgeschrittenen Stadien Heilungen möglich. Dennoch bleiben große Herausforderungen bestehen, und viele Therapien erfordern Geduld und Ausdauer. Innovative Therapieformen eröffnen neue Perspektiven, so etwa die Radio-Liganden Therapie (RLT). Dabei werden radioaktive Substanzen gezielt an Krebszellen herangeführt, gebunden und zerstören diese konzentriert unter Schonung anderer Organe. Besonders bei Prostatakrebs und neuroendokrinen Tumoren wurden damit bedeutende Fortschritte erzielt.

Bei der CAR-T-Zell-Therapie werden körpereigene Immunzellen im Labor genetisch verändert und gezielt gegen Krebszellen aktiviert, und dann dem Körper zurück transfundiert. Vor allem bei bestimmten Blutkrebserkrankungen können damit selbst in fortgeschrittenen Stadien Heilungen erzielt werden.

Bispezifische Antikörper nützen ebenfalls das eigene Immunsystem aus und lenken das Immunsystem zielgerichtet zu den Krebszellen, um so immunologische Effekte auszulösen, die letztlich zu sehr positiven Effekten führen können. Auch wenn Krebs seinen Schrecken noch nicht vollständig verloren hat, gibt es berechtigte Hoffnung: Die Zukunft der Onkologie ist vielversprechend und in einer sehr positiven Entwicklung.