Umgang mit Demenzkranken: „Was einmal war, das ist einfach nicht mehr"

Gabriele Miklos in der Klinik Oberwart
Wie man mit Menschen mit Demenz spricht, wie man mit Aggressionen umgeht und warum man gut daran tut, Lichtblicke zu erkennen und zu schätzen, weiß Demenz-Nurse Gabriele Miklos von der Klinik Oberwart.

Die Diagnose Demenz verändert das Leben, das gilt nicht nur für Betroffene, sondern auch für das Umfeld. Wie lässt sich der Alltag erleichtern, was trägt zum gegenseitigen Verständnis bei? Darüber sprach DGKP Gabriele Miklos in der Radio Burgenland Sprechstunde. Miklos ist zertifizierte Demenz-Nurse und stellvertretende Pflegedirektorin an der Klinik Oberwart.

Wie hat sich Ihrer Erfahrung nach der Umgang mit Demenzkranken in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Der Umgang mit Menschen mit Demenz hat sich wesentlich weiterentwickelt. Früher hat man die Krankheit gesehen, heute steht der Mensch im Mittelpunkt. Früher wurde Demenz als natürlicher Altersabbau, auch als Senilität bezeichnet. Heute weiß man, es handelt sich um eine wirkliche Erkrankung. Zudem gab es früher kaum öffentliche Informationen dazu. Das ist Gott sei Dank heute anders. Es gibt großangelegt Aufklärungskampagnen, Medienberichte und sogar den Alzheimerwelttag am 21. September.

Die Krankheit entwickelt sich meist langsam. Was ist in der Kommunikation wichtig, wenn man bemerkt, dass sich Angehörige verändern?

Bei einer Demenzerkrankung verändert sich auch die Art und Weise, wie Betroffene Gesagtes verstehen und aufnehmen können. Deshalb ist es wichtig, die Kommunikation an das jeweilige Stadium der Demenz anzupassen. Grundsätzlich unterscheidet man grob drei Stadien. Bei einer leichten Demenz kommt es vor allem darauf an, darauf zu achten, dass die betroffene Person nicht überfordert wird und dass man ihr Sicherheit und Orientierung vermittelt. Wichtig ist dabei vor allem eine ganz normale und wertschätzende Kommunikation. Man sollte der betroffenen Person ausreichend Zeit zum Antworten geben und geduldig sein, wenn sie nach Worten sucht oder eine Frage beantworten möchte.

Auch einfache Hilfsmittel können unterstützen: Notizen oder Kalender können dabei helfen, den Überblick zu behalten. Ebenso kann es hilfreich sein, die Wohnung entsprechend der Jahreszeit zu dekorieren, um die zeitliche Orientierung zu erleichtern. Entscheidend ist, der betroffenen Person mit Geduld, Verständnis und Wertschätzung zu begegnen.

Wie wichtig ist Geduld?

Wirklich sehr, sehr wichtig. Hektik oder Unruhe im Umfeld oder Reizüberflutungen wirken sich negativ auf die Kommunikation aus. Vor allem im mittleren Stadium sollte man kurze Sätze und einfache Wörter verwenden und immer nur eine Botschaft übermitteln. Empfohlen werden sogenannte Schritt-für-Schritt-Anleitungen, denn Betroffene verstehen nur die letzte Aussage. Ebenso wichtig ist es, Fragen einfach zu formulieren und wenig Auswahlmöglichkeiten zu bieten. Statt 'Was möchtest du trinken?' besser direkt nachfragen. ‚Möchtest du einen Apfelsaft oder möchtest du einen Himbeersaft trinken?‘ Wichtig ist es, geschlossene Fragen zu verwenden. Das sind Fragen, die man mit Ja und Nein beantworten kann, denn mehr ist in diesem Stadium der Demenz nicht mehr möglich.

Ist Kommunikation auch möglich, wenn die Sprache ganz verloren gegangen ist?

Ja, hier wird die nonverbale Kommunikation immer wichtiger. Das ist die Kommunikation ohne Worte. Dabei geht es um Mimik, um Gestik, um Berührung und um Bewegung. Augenkontakt ist sehr wichtig. Man muss sich immer auf die Augenhöhe der Patient*innen begeben, niemals von oben herab. Das kann nämlich als Gefahr gewertet werden. Dazu ein leichtes Lächeln, ruhiger Tonfall und hektischen Bewegungen vermeiden.

Eine der herausforderndsten Begleiterscheinungen einer Demenzerkrankung kann aggressives Verhalten sein. Was sollte man diesbezüglich wissen?

Überforderung, Schmerzen, Hunger oder Durst können aggressives Verhalten auslösen. In diesem Fall ist es wichtig, einen Schritt zurückzugehen und ruhig zu bleiben. Zurückschreien wäre kontraproduktiv. Tief durchatmen und die Stimme senken. Den Betroffenen nie festhalten, außer es ist Gefahr im Verzug. Man sollte versuchen, das Gefühl dahinter zu erkennen. Denn oft sagen Betroffene Verletzendes und meinen es gar nicht so, sie können sich jedoch nicht anders äußern.

Wie können sich Wutausbrüche verhindern lassen, wenn man bemerkt, dass sich etwas anbahnt?

In solchen aggressiven Situationen ist es ratsam, sich zu notieren, welche Situation dieser vorausgegangen ist. Das könnte die Aggression ausgelöst haben.  

Zurück zum Thema Augenhöhe: Bei Demenz drehen sich in Familien manchmal die Rollen um. Wird die Mutter alt, wird sie vom Kind wie ein Kind behandelt.

Das erlebt man oft. Aber, es ist ganz wichtig, dass dies nicht passiert. Man sollte Demenzkranke weiter als erwachsene Personen behandeln und auch in der Kommunikation nicht in eine Babysprache verfallen, sondern wertschätzend kommunizieren. Wenn alle Vorkehrungen getroffen wurden, damit sich Betroffene sicher im Umfeld bewegen können, muss man ihnen auch nicht auf Schritt und Tritt folgen.

Wie sollte denn die Umgebung für Menschen mit Demenzerkrankungen gestaltet sein, damit sie möglichst eigenständig und sicher leben können?

Die Wohnung bzw. die Umgebung sollte übersichtlich, sicher und vertraut gestaltet sein. Das bedeutet, Möbel sollten nicht umgestellt werden und vertraute Gegenstände immer in Sichtweite platziert sein. Uhr, Schlüssel, Brille, Fernbedienung sollten einen fixen Platz haben. Für die Orientierung können auch Beschriftungen genutzt werden. Hilfreich sind Piktogramme. Diese können Demenzkranke sehr lange erkennen. Treppen sollen farbliche Akzente haben, damit man sieht, wo die Stufe beginnt oder aufhört. Gut lesbare Uhren wie auch Kalender können zur Orientierung dienen. Besonders wichtig ist eine gute Beleuchtung, damit Dunkel und Schattenzonen vermieden werden, denn diese können Angst und Verwirrung auslösen.

Wie geht man mit dem gefürchteten Weglaufen um?

Die Tendenz wegzulaufen ist bei Demenzkranken häufig zu beobachten. Ein Tipp, der wirklich hilft: Vor die Ausgangstür einen dunklen Teppich platzieren. Demenzkranke können diesen nicht als solchen erkennen, sondern vermuten dort ein Loch.

Man muss erfindungsreich sein. Wie hilfreich ist denn Humor?

Humor ist ein ganz wichtiger Aspekt. Mit Humor geht vieles leichter – für Betreuende und auch für Betroffene.

Wie reagiert man richtig, wenn sich Betroffene einbilden, dass jemand etwas weggenommen hat? Wie spricht man so etwas am besten an?

Betroffene suchen sehr oft etwas, meistens ist es Geld. Mein Rat: Man nimmt das Gefühl auf und zeigt Verständnis dafür. Zeigt Hilfsbereitschaft und versucht gleichzeitig, den Fokus umzuleiten. Etwa mit der Aussage: ‚Wir werden suchen und trinken jetzt noch einen Schluck‘. Nur das Letztgesagte bleibt in Erinnerung.

Stichwort trinken: Genug zu trinken ist gerade für Demenzerkrankte immer wichtig, oder?

Sehr wichtig. Gerade ältere Personen – und noch einmal mehr jene mit einer Demenzerkrankung – vergessen sehr oft zu trinken. Kommt es zu einem Flüssigkeitsmangel, ist man infektanfälliger und zudem steigt die Verwirrung.

Wie kann man das Trink- und auch Essverhalten möglichst positiv beeinflussen, ohne, dass Widerstand aufkommt?

Es kann vorkommen, dass zu wenig, aber auch, dass zu viel gegessen wird. Ist Ersteres der Fall, kann man in der Wohnung verteilt Fingerfood wie Gemüsesticks oder kleine Brötchen und Häppchen anbieten. Demenzkranke bevorzugen meist süße Speisen. Wird zu viel gegessen, muss man darauf achten, dass die Nahrung nicht zu hochkalorisch ist. Nur eine Portion anbieten. Betroffene werden von selbst nicht nachfragen. Gegessen wird, was am Teller ist.

Kommen wir zur Körperpflege bzw. dem An- und Ausziehen: Auch hier entstehen oft Konfliktsituationen. Haben Sie Tipps und Tricks für uns?

Beim Anziehen ist es wichtig, praktische Kleidung mit Klettverschlüssen und Reißverschlüssen anstatt Knöpfen zu verwenden. Funktioniert es nicht auf Anhieb, muss man eine Pause einlegen und es nach ein paar Minuten wieder versuchen. Auch Schlupfhosen sind praktisch. So kann die Selbständigkeit sehr lange erhalten bleiben, etwa in Bezug auf den Toilettengang. Auch Schuhe mit Klettverschluss sind ratsam.

In Bezug auf Körperpflege ist oft der Zeitpunkt ausschlaggebend. Manche Menschen duschen lieber am Abend, andere am Morgen. Hat man das herausgefunden, ist das schon die halbe Miete. Wichtig: Alles muss gut vorbereitet sein und griffbereit liegen.

Wenn Betroffene nicht kooperativ sind, kann es helfen, daran zu erinnern, wie es früher gemacht wurde. ‚Du hast mir gezeigt, dass die Haare zweimal zu waschen sind.‘ Auch bekannt duftende Pflegeprodukte können motivieren.

Die Betreuung von Demenzkranken ist ein Rundumprogramm. Warum müssen betreuende Personen auch auf sich selbst achten und wo gibt es Hilfe?

Es ist ganz wichtig, dass betreuende Personen auch auf sich selbst schauen, ihre Grenzen erkennen und, wenn es zu viel wird, Hilfe einholen. Es gibt verschiedenste Hilfsangebote, zum Beispiel den Seniorengarten, wo Erkrankte einen ganzen Tag verbringen können. Dort gibt es einen geregelten Tagesablauf und betreuende Personen haben einmal Zeit für sich, denn eine Betreuung ist ein 24/7-Job. Die Volkshilfe Burgenland bietet zudem mobile Demenzbetreuung an. Es gibt auch freiberufliche Demenzbetreuung, diese ist jedoch kostenpflichtig. Wenn Betroffene zu Hause versorgt werden, kann auch eine Hauskrankenpflege in Anspruch genommen werden. Wenn keine Betreuung zuhause mehr möglich ist, gibt es Pflegeheime.

Wie wichtig ist denn Förderung in den verschiedenen Stadien der Demenz? Was trägt dazu bei, die Krankheit in ihrem Fortschreiten zu verlangsamen?

Wichtig sind ein strukturierter Tagesablauf und soziale Interaktion. Geistige Beschäftigung und lernen können die Demenzerkrankung hinauszögern. Viel lesen, schreiben, eine neue Sprache erlernen, tanzen, all das trainiert das Gehirn. Beschäftigung tagsüber ist auch wichtig, damit die Betroffenen am Abend müde sind und besser schlafen können. Unbedingt den Tag-Nacht-Rhythmus einhalten.

Welche Rituale oder ganz einfache Maßnahmen können denn die Nachtruhe fördern?

Routine ist eine ganz einfache Maßnahme: immer zur gleichen Zeit zu Abend essen, danach waschen, den Schlafanzug anziehen, das Licht dämpfen, eventuell noch etwas leise Musik hören. Dies sollte täglich wiederholt werden. Man kann auch Aromaöle wie Lavendel oder Melisse einsetzen, sie wirken beruhigend. Aktivität tagsüber, wie leichte Spaziergänge und Gymnastik oder einfache Hausarbeiten wie Handtücher zusammenlegen oder Blumen gießen – ohne zu überfordern – fördern Müdigkeit und somit auch den Schlaf. Zudem fühlen sich Betroffene gebraucht.

Wie kann man auch schöne Momente, wie Feste im Jahresverlauf, einplanen, ohne zu überfordern?

Traditionen sind wichtig, weil sie zur Orientierung beitragen, wobei nicht das Fest an sich das Wichtige ist, sondern das Gefühl, das es hinterlässt. Es muss zu Weihnachten nicht der große Kirchenbesuch sein, es reicht oft auch, zuhause eine Kerze anzuzünden und ein Lied zu singen. Stehen Feierlichkeiten an, sind wenige Besucher*innen gleichzeitig, dafür aber öfter empfehlenswert.  

Was ist das Allerwichtigste im Umgang mit Demenzkranken?

Das Wichtigste bei einer Demenzerkrankung ist, dass man den Menschen sieht und nicht die Krankheit. Denn oft kommen sogenannte helle Momente und Betroffene greifen nach der Hand, lächeln bewusst oder sprechen einen Satz aus der Vergangenheit, mit dem man nicht gerechnet hat. Und das ist das Schöne, wenn man merkt, er oder sie ist noch da und ist auch glücklich in seinem Sein.

Oft sind Betroffene durchaus in ihrer Welt glücklich, auch wenn sie die Welt draußen ausblenden. Ein Tipp: Versuchen den Moment zu genießen, den man gerade erlebt und bewusst die Verbindung zu pflegen. Und sehnen Sie sich nicht nach dem, was einmal war – das ist einfach nicht mehr.