Stimmt es, dass Karotten gut für die Augen sind?

OA Dr. Michael Simon
Oberarzt Dr. Michael Simon, Leiter der Tagesklinik für Augenheilkunde in der Klinik Güssing, in der Radio Burgenland Sprechstunde im Gespräch mit Redakteurin Nicole Aigner zum Thema Augengesundheit.

Unsere Augen sind nicht nur der „Spiegel der Seele“ – der Mensch ist, wie man so schön sagt, ein Augentier. Mehr als 80 Prozent unserer Sinneseindrücke nehmen wir über die Augen auf. Umso wichtiger ist gutes Sehen. Ist uns die Bedeutung unserer Augengesundheit im Alltag zu wenig bewusst?

Das ist bei Gesundheit generell so: Solange es einem gut geht, denkt man nicht groß darüber nach. Deshalb empfehlen wir regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen. Werden Erkrankungen frühzeitig erkannt, können sie meist auch entsprechend behandelt werden.

Wie können wir unsere Augengesundheit möglichst früh fördern?

Das beginnt bereits im Kindesalter. Eine der wichtigsten Augenuntersuchungen ist die zweite Mutter-Kind-Pass-Untersuchung rund um das zweite Lebensjahr. Dabei können wir ohne große Mithilfe des Kindes bereits vieles erkennen, etwa Weitsichtigkeit oder Schielen. Kinder können dabei völlig unauffällig wirken und trotzdem beispielsweise vier oder fünf Dioptrien haben. Je früher man das erkennt, desto besser kann man gegensteuern.

Was passiert, wenn ein Kleinkind erstmals eine Brille bekommt?

Das ist oft erstaunlich. Anfangs gibt es manchmal eine kurze Gewöhnungsphase, weil die Brille ungewohnt ist. Meist akzeptieren Kinder sie aber sehr schnell, weil sie unmittelbar merken, dass sie damit besser sehen können.

Gibt es so etwas wie „Augenvitamine“? Und stimmt es, dass Karotten gut für die Augen sind?

Grundsätzlich gilt: Was dem Körper guttut, tut auch den Augen gut – ausreichend trinken, gesunde Ernährung und Bewegung. Bestimmte Vitamine und Mineralstoffe wie Vitamin C und E oder Zink wirken als Antioxidantien. Das in Karotten enthaltene Betakarotin wird im Körper in Vitamin A umgewandelt, das wiederum für die Netzhaut wichtig ist.

Die Geschichte, dass Karotten besonders gut für die Augen seien, hat übrigens auch einen historischen Hintergrund: Im Zweiten Weltkrieg verbreiteten die Briten das Gerücht, ihre Piloten könnten wegen des vielen Karottenessens so gut sehen. Tatsächlich wollten sie damit von der Entwicklung des Radars ablenken.

Kann eine gesunde Ernährung Sehschwächen verbessern?

Eine bestehende Sehschwäche lässt sich durch Ernährung natürlich nicht beseitigen. Wichtig ist aber, auf gesunde Gewohnheiten zu achten. Die zunehmende Naharbeit durch Computer, Tablets und Smartphones spielt dabei eine große Rolle. Gerade bei Kindern und Jugendlichen kann viel Naharbeit die Entwicklung von Kurzsichtigkeit begünstigen. Bei Erwachsenen können lange Bildschirmzeiten unter anderem zu trockenen Augen führen.

Kommen wir zur Augenchirurgie. Was hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Laser- und Ultraschalltechnologien haben die Augenchirurgie enorm weiterentwickelt. Nehmen wir den Grauen Star: Dabei handelt es sich um eine Trübung der menschlichen Linse und im Grunde um eine normale Alterserscheinung. Während Patientinnen und Patienten früher noch eine Woche im Krankenhaus bleiben mussten, ist die moderne Kataraktchirurgie heute ein kleiner ambulanter Eingriff. Die Operation dauert etwa zehn Minuten und die Betroffenen können anschließend wieder nach Hause gehen.

Grauer Star ist also heute keine Katastrophe mehr. Wie sieht es mit dem Grünen Star aus?

Beim Grünen Star, dem Glaukom, handelt es sich um eine Schädigung des Sehnervs, häufig im Zusammenhang mit einem erhöhten Augendruck. Wichtig sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen mit Augendruckmessung und Kontrolle des Augenhintergrunds. Wird die Erkrankung früh erkannt, ist sie gut behandelbar. Das Heimtückische ist, dass der Grüne Star meist schmerzfrei verläuft. Wenn Betroffene selbst Gesichtsfeldausfälle bemerken, kann die Erkrankung bereits weit fortgeschritten sein. Dann geht es oft nur noch darum, weitere Schäden zu verhindern.

Welche Warnzeichen an Glaskörper und Netzhaut sollte man ernst nehmen?

Bei plötzlich auftretenden Lichtblitzen, Schatten oder schwarzen Punkten beziehungsweise einem sogenannten „Rußregen“ sollte man sofort eine augenärztliche Kontrolle durchführen lassen. Dahinter kann ein Netzhautriss stecken. Wird dieser nicht rechtzeitig erkannt, kann daraus eine Netzhautablösung entstehen, die operiert werden muss.

Wie oft sollte man grundsätzlich zum Augenarzt bzw. zur Augenärztin gehen?

Bei einer bestehenden Sehschwäche, etwa Kurzsichtigkeit, empfehlen wir eine jährliche Kontrolle. Auch Kontaktlinsenträger und -trägerinnen sollten regelmäßig untersucht werden. Spätestens ab dem 40. Lebensjahr sind jährliche Kontrollen von Augendruck und Augenhintergrund sinnvoll.

Welche Möglichkeiten gibt es heute, ohne Brille zu sehen?

Hier unterscheiden wir zwischen Kontaktlinsen, die auf der Augenoberfläche liegen, und Intraokularlinsen, die ins Auge implantiert werden. Bei Kontaktlinsen gibt es mittlerweile viele verschiedene Materialien mit hoher Sauerstoffdurchlässigkeit und guter Verträglichkeit.

Daneben gibt es Laserverfahren, die heute berührungslos, schmerzarm und sehr schnell durchgeführt werden können. Eine weitere Möglichkeit ist der sogenannte Linsentausch. Dabei kann die natürliche Linse auch ohne bestehenden Grauen Star entfernt und beispielsweise durch eine Multifokallinse ersetzt werden.

Ein weiterer Bereich sind Lidoperationen. Wann handelt es sich dabei nicht nur um einen kosmetischen Eingriff?

Wenn ein Schlupflid oder ein hängendes Oberlid das Gesichtsfeld einschränkt, kann eine Lidoperation medizinisch notwendig sein. In solchen Fällen kann die Operation nach entsprechender Genehmigung von der Krankenkasse übernommen werden. Auch bestimmte Fehlstellungen des Unterlides können medizinisch behandelt werden.

Wie läuft eine solche Operation ab?

Die Eingriffe erfolgen ambulant und unter örtlicher Betäubung. Eine Lidoperation dauert etwa 30 bis 45 Minuten. Danach können die Patientinnen und Patienten grundsätzlich wieder nach Hause. Natürlich können zunächst Schwellungen und Blutergüsse auftreten, insgesamt ist der Eingriff aber sehr gut verträglich.

Wie groß ist die Nachfrage nach Lidoperationen aus kosmetischen Gründen?

Die Nachfrage nimmt zu. Gerade bei Oberlidkorrekturen besteht ein deutliches Interesse, auch wenn keine medizinische Notwendigkeit vorliegt. Das Ziel ist dabei ein möglichst natürliches Ergebnis: Die Patientinnen und Patienten sollen frischer und erholter aussehen, ohne dass der operative Eingriff sofort auffällt.

Welche Rolle spielen Schlaf und Bildschirmzeiten für die Augengesundheit?

Das gehört zur allgemeinen Schlafhygiene. Idealerweise sollte man ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen auf Handy, Tablet und Computer verzichten, damit der Körper zur Ruhe kommt. Bei trockenen Augen können gegebenenfalls Benetzungstropfen helfen. Auch während des Tages ist es sinnvoll, regelmäßig in die Ferne zu schauen – beispielsweise aus dem Fenster. Gerade bei längerer Bildschirmarbeit sollte man die Augen nicht ständig auf den Nahbereich fokussieren.

Kann man Sehschwächen mit Augengymnastik wegtrainieren?

Nein. Es gibt zwar zahlreiche Angebote und Bücher zu diesem Thema, eine bestehende Sehschwäche lässt sich dadurch aber nicht einfach wegtrainieren. Sinnvoller ist es, regelmäßig zur Augenärztin oder zum Augenarzt zu gehen.

Wann sollte man eine Augenambulanz aufsuchen?

Die erste Anlaufstelle sind grundsätzlich niedergelassene Fachärztinnen und Fachärzte für Augenheilkunde. Bei speziellen Fragestellungen oder Problemen erfolgt dann gegebenenfalls eine Überweisung an eine Augenambulanz.

Welche Aufgabe hat die Augentagesklinik in der Klinik Güssing?

In der Klinik Güssing werden hauptsächlich Graue-Star-Operationen durchgeführt. Die Patientinnen und Patienten kommen zunächst zur Voruntersuchung in die Ordination, werden dort untersucht und ausführlich aufgeklärt. Der eigentliche Eingriff findet anschließend ambulant in der Klinik Güssing statt.

Die Patientinnen und Patienten kommen morgens in die Klinik und können in der Regel spätestens zu Mittag wieder nach Hause gehen. Die Operation erfolgt unter örtlicher Betäubung. Eine spezielle Operationstauglichkeitsuntersuchung ist nicht erforderlich, die Patientinnen und Patienten müssen nicht nüchtern sein und können ihre Medikamente wie gewohnt einnehmen. Dadurch ist der Eingriff heute sehr schonend und unkompliziert.