Viele Vorgänge im menschlichen Körper werden von Hormonen gesteuert. Diese wichtigen Botenstoffe werden in unterschiedlichen Drüsen und Organen gebildet – unter anderem in der Schilddrüse. Doch die Häufigkeit von Schilddrüsenerkrankungen nimmt weltweit zu. „Die Anzahl an Autoimmunerkrankungen steigt kontinuierlich an – mitbedingt durch epigenetische Faktoren wie Stress, Umweltbelastungen und persönliche Veranlagungen“, weiß Primaria Dr.in Evelyne Bareck, Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Leiterin der Chirurgie und Ärztliche Direktorin der Klinik Oberpullendorf. Autoimmunerkrankungen seien zwar genetisch mitveranlagt, ob sie tatsächlich ausbrechen, werde jedoch wesentlich durch äußere Einflüsse bestimmt. Zunehmend beobachte man außerdem eine Kombination aus autoimmunen Veränderungen der Schilddrüse und der Entstehung von Karzinomen.
Wachstum, Energiehaushalt und Organfunktionen
Die Schilddrüse beeinflusst nahezu alle Körperfunktionen. Entsprechend wichtig ist eine ausgeglichene Hormonproduktion für Gesundheit und Wohlbefinden. Schilddrüsenhormone steuern den Stoffwechsel, sind aber auch für Wachstum, Energiehaushalt und Organfunktionen essenziell. Bereits im Kindesalter spielen sie eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Gesamtorganismus – insbesondere für die Gehirnentwicklung.
Auch im weiblichen Hormonhaushalt haben Schilddrüsenhormone eine besonders große Bedeutung. Sie wirken unterstützend im Zyklusgeschehen und beeinflussen Pubertät, Schwangerschaft und Menopause. Darüber hinaus wirken sie sich auf Haare, Nägel und die allgemeine Leistungsfähigkeit aus.
Eine Unterfunktion der Schilddrüse kann bei Betroffenen unter anderem zu Müdigkeit, Konzentrationsproblemen, Frieren, Verstopfung oder einem verlangsamten Herzrhythmus führen. Eine Überfunktion hingegen äußert sich häufig durch Herzrasen, Übererregtheit, Schlaflosigkeit, Hitzewallungen oder innere Unruhe.
Symptome ernst nehmen
Die Beschwerden bei Schilddrüsenerkrankungen sind vielfältig und oft unspezifisch. Haarausfall, Müdigkeit, depressive Verstimmungen oder Konzentrationsprobleme werden deshalb nicht selten anderen Ursachen zugeschrieben. Ein einfacher Laborbefund kann hier jedoch rasch Klarheit schaffen.
Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Schätzungen zufolge leidet etwa jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens an einer Schilddrüsenfunktionsstörung. Da Beschwerden oft gemeinsam mit Zyklusveränderungen auftreten, führt der erste Weg vieler Betroffener zunächst zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen inklusive Kontrolle der Schilddrüsenwerte sind daher sinnvoll.
Unbehandelte Funktionsstörungen können ernsthafte Folgen haben. „Eine ausgeprägte Unterfunktion kann bis hin zur Verkehrsuntüchtigkeit führen“, warnt Primaria Dr.in Bareck. Eine Überfunktion wiederum belastet vor allem das Herz-Kreislauf-System und sollte keinesfalls unterschätzt werden.
Fortschritte in der Schilddrüsenchirurgie
Seit der Jahrtausendwende hat sich die Schilddrüsenchirurgie deutlich verändert. „Wir haben uns von funktionserhaltenden Eingriffen zunehmend hin zu radikaleren Operationen mit vollständiger Entfernung der Schilddrüse entwickelt“, erklärt die Expertin. Gleichzeitig hätten sich die pathologischen Diagnosemöglichkeiten enorm verbessert. Dadurch würden heute viele Frühkarzinome erkannt, bei denen eine Operation bereits heilend wirken könne.
An der Klinik Oberpullendorf werden durchschnittlich 10 bis 12 Schilddrüsenoperationen pro Woche durchgeführt, darunter etwa zwei Eingriffe aufgrund bösartiger Veränderungen. Ob nach der Operation weitere Therapien notwendig sind, hängt wesentlich vom pathologischen Befund ab.
Eine klassische Chemotherapie ist bei Schilddrüsenkarzinomen glücklicherweise nur selten erforderlich. Häufig kommt stattdessen die Radiojodtherapie zum Einsatz. Dabei wird radioaktiv markiertes Jod verabreicht, das gezielt von verbliebenen Schilddrüsenzellen aufgenommen wird. Auf diese Weise können verstreute Tumorzellen schonend zerstört werden.
Die Prognosen sind insgesamt sehr gut – insbesondere bei frühzeitiger Diagnose. Fernmetastasen in Leber, Lunge oder Knochen seien selten. Häufiger würden Metastasen im Halsbereich auftreten, die chirurgisch behandelt werden können.
Moderne Technologien erhöhen die Sicherheit
Moderne technische Hilfsmittel machen Schilddrüsenoperationen heute deutlich sicherer. Seit rund 20 Jahren gehört das sogenannte Neuromonitoring zum Standard. Dabei wird der Stimmbandnerv, der direkt hinter der Schilddrüse verläuft, während der Operation elektrisch überwacht. „Dadurch wissen wir bereits während des Eingriffs, ob der Nerv intakt ist. Das gibt uns vor allem bei beidseitigen Operationen zusätzliche Sicherheit“, erklärt Primaria Dr.in Bareck.
Ein weiteres innovatives Verfahren ist das sogenannte Fluobeam-System. Mithilfe spezieller Laserlichtwellenlängen werden die kleinen Nebenschilddrüsen sichtbar gemacht. Diese nur wenige Millimeter großen Drüsen sind für den Kalzium- und Knochenstoffwechsel entscheidend und sollen bei der Operation unbedingt erhalten bleiben. Durch die Fluoreszenzmessung kann überprüft werden, ob die Nebenschilddrüsen ausreichend durchblutet sind. So lassen sich Durchblutungsstörungen frühzeitig erkennen und Komplikationen vermeiden.
Je nach Eingriff dauert eine Schilddrüsenoperation zwischen 60 und 90 Minuten, größere Tumoroperationen können auch drei bis vier Stunden beanspruchen. In der Regel können Patient*innen die Klinik bereits am zweiten Tag nach dem Eingriff wieder verlassen.
Leben ohne Schilddrüse
Nach einer vollständigen Entfernung der Schilddrüse müssen die fehlenden Hormone ersetzt werden. Die Dosierung wird individuell an das Körpergewicht angepasst. Für den Organismus bedeutet dies zunächst eine Umstellung, da der Körper lernen muss, das zugeführte Hormon optimal zu verwerten. „Nach etwa drei bis vier Monaten führen wir die erste Laborkontrolle durch. Bei über 90 Prozent der Patientinnen und Patienten ist die Einstellung dann bereits stabil“, berichtet die Expertin für endokrine Chirurgie. Wichtig ist die richtige Einnahme: Schilddrüsenhormone sollten morgens nüchtern und ohne Milchprodukte eingenommen werden. Bereits 15 bis 20 Minuten Abstand zum Frühstück oder Kaffee reichen meist aus.
Bei stabiler Einstellung genügen Kontrollen der Schilddrüsenwerte meist alle ein bis zwei Jahre. Die Ersatztherapie gilt heute als unkompliziert und sehr gut verträglich. Schilddrüsenhormone können mittlerweile nahezu eins zu eins ersetzt werden – eine Möglichkeit, die bereits seit mehr als 100 Jahren besteht. Die erste chemische Herstellung gelang 1926 durch den amerikanischen Biochemiker Edward Calvin Kendall.
Vorbeugung und Früherkennung
Eine ausgewogene Ernährung ist ein wichtiger Beitrag zur Schilddrüsengesundheit. In Österreich wird Speisesalz seit 1963 gesetzlich jodiert. Dadurch wird die Bevölkerung ausreichend mit Jod versorgt, das die Schilddrüse für die Hormonproduktion benötigt. Auch Selen spielt eine wichtige Rolle im Schilddrüsenstoffwechsel. Das Spurenelement ist in Lebensmitteln wie Fisch, Nüssen oder Reis enthalten und wird bei ausgewogener Ernährung meist ausreichend aufgenommen.
Als problematisch gilt hingegen chronischer Stress. Er kann als epigenetischer Faktor Autoimmunerkrankungen begünstigen und damit auch die Schilddrüse beeinflussen. Ausreichende Erholung, Schlaf und bewusste Auszeiten sind daher wichtige Faktoren für die langfristige Gesundheit.
Hashimoto und Morbus Basedow
Zu den häufigsten Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse zählen die Hashimoto-Thyreoiditis und der Morbus Basedow. Während Hashimoto langfristig zu einer Unterfunktion führt, verursacht Morbus Basedow eine Überfunktion der Schilddrüse. Besonders Letztere kann unter anderem Herzprobleme verursachen und in manchen Fällen auch eine Operation notwendig machen.
Da die Hashimoto-Thyreoiditis zunehmend häufiger auftritt und oft mit Knotenbildungen oder Karzinomen verbunden ist, kommt der Früherkennung große Bedeutung zu. Typische Antikörper können bereits früh im Blut nachgewiesen werden. Wird die Erkrankung rechtzeitig erkannt, kann die Schilddrüse durch eine unterstützende Hormontherapie entlastet und das Risiko für Unterfunktionen oder neue Knotenbildungen reduziert werden.

