Stimme und Sprache gehören zu den wichtigsten Mitteln der menschlichen Kommunikation. Wie selbstverständlich wir sie im Alltag nutzen, wird vielen Menschen erst bewusst, wenn Probleme auftreten. Genau hier setzt die Logopädie an. Denn nicht nur Kinder mit einem „r“- oder „s-Fehler“ profitieren von logopädischer Therapie – auch Erwachsene benötigen häufig Unterstützung.
Seit zwei Jahren gibt es das Fach Logopädie an der Klinik Kittsee. Logopädin Sylvia Kaltenhofer gibt einen Einblick in ihr Arbeitsfeld, das mittlerweile auch innerhalb der Klinik einen wichtigen Stellenwert einnimmt.
Ein breites Arbeitsfeld
Logopäd*innen arbeiten mit Störungen der menschlichen Kommunikation – sowohl im verbalen als auch im nonverbalen Bereich. Dazu kommen Störungen der oralen Funktionen sowie der Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme. „Grob zusammengefasst, betrifft das vor allem die Bereiche Sprache, Sprechen, Stimme, Schlucken und Hören“, bringt es Sylvia Kaltenhofer im Gespräch mit Moderatorin Nicole Aigner auf den Punkt. Logopädie kommt dabei in unterschiedlichen Bereichen zum Einsatz: präventiv, etwa durch Beratung oder Schulungen, ebenso in Diagnostik und Therapie. Darüber hinaus gehört auch Lehre und Forschung zum Berufsfeld. Ziel ist es, die logopädische Arbeit weiterzuentwickeln und zukünftige Logopäd*innen auszubilden.
Soziale Isolation
Während bei Kindern Sprachprobleme meist früh erkannt und behandelt werden – spätestens vor dem Schuleintritt –, werden Schwierigkeiten bei älteren Menschen häufig als unvermeidbar hingenommen. „In meinem Arbeitsalltag erlebe ich oft, dass viele sich nicht mehr richtig ausdrücken können“, sagt Kaltenhofer. „Als Logopädin bin ich daher häufig das Sprachrohr für meine Patientinnen und Patienten.“
Kann sich ein Mensch nicht mehr verständlich äußern, hat das weitreichende Folgen. Viele Betroffene ziehen sich zunehmend zurück. Gespräche werden anstrengend, Telefonate mit Angehörigen oder Freund*innen bleiben aus, Hobbys werden aufgegeben. Sprach- oder Stimmstörungen können dadurch zu sozialer Isolation führen.
Gerade deshalb ist eine frühzeitige Erkennung wichtig. „Erste Hinweise können eine verwaschene Aussprache, Schwierigkeiten bei der Artikulation oder eine dauerhaft heisere Stimme sein. Werden solche Veränderungen ernst genommen, können frühzeitig diagnostische Schritte und therapeutische Maßnahmen eingeleitet werden“, weiß die Expertin.
Schlucken – mehr als nur Lebensqualität
Auch das Schlucken spielt eine zentrale Rolle. Es bedeutet nicht nur Lebensqualität, sondern sichert letztlich das Überleben. Schluckstörungen – medizinisch Dysphagie genannt – können schwerwiegende Folgen haben, etwa häufiges Verschlucken oder sogar Lungenentzündungen. Um Patient*innen bestmöglich zu versorgen, gibt es eine internationale Klassifizierung: die IDDSI – die International Dysphagia Diet Standardisation Initiative. Sie sorgt dafür, dass Fachpersonen weltweit nach denselben Standards arbeiten und Nahrung sowie Flüssigkeiten entsprechend angepasst werden können. Das oberste Ziel ist dabei immer, das Verschlucken zu verhindern und schwere Komplikationen zu vermeiden.
Logopädie im Klinikalltag
In der Klinik Kittsee betreut Sylvia Kaltenhofer vor allem Patient*innen des Departments für Akutgeriatrie und Remobilisation (AG/R). Hier stehen Prävention und Aufklärung im Vordergrund. Ein weiterer Einsatzbereich ist die interne Station, auf der viele Menschen mit Schluckstörungen behandelt werden. Ein dritter Schwerpunkt liegt auf der Intensivstation. Dort begleitet Kaltenhofer Patient*innen etwa im Trachealkanülenmanagement oder bei der Entwöhnung von der Beatmung – mit dem Ziel, ihnen ein Stück Lebensqualität zurückzugeben.
Für viele Patient*innen auf der Intensivstation ist es besonders belastend, wenn sie sich nicht artikulieren können. Sie fühlen sich häufig missverstanden und können ihre Bedürfnisse nicht ausdrücken. Hier setzt die logopädische Arbeit möglichst früh an. Ziel ist es, Wege zu finden, damit Kommunikation wieder möglich wird und Patient*innen ihre Stimme und Schluckfunktion möglichst schnell zurückerlangen.
Wenn Sprache zunächst nicht möglich ist, kommen verschiedene Hilfsmittel zum Einsatz: etwa Buchstabentafeln, mit denen Patient*innen durch Zeigen Wörter bilden können. Bei Menschen mit Trachealkanüle können spezielle Sprechventile verwendet werden, die wieder Stimmproduktion ermöglichen.
Logopäd*innen arbeiten auch in vielen anderen Bereichen des Klinikalltags. In der HNO werden beispielsweise Hörtests durchgeführt, bei Neugeborenen Hörscreenings. Ein weiteres Feld ist die Stimmtherapie, etwa bei Heiserkeit oder Stimmversagen. Auch Patient*innen nach Schlaganfällen gehören häufig zum logopädischen Arbeitsbereich, ebenso Menschen mit Sprach- oder Sprechstörungen. In der Intensivmedizin wiederum geht es darum, frühzeitig Maßnahmen zu setzen, damit Betroffene möglichst rasch wieder Lebensqualität gewinnen.
Ein wichtiger Bereich ist außerdem die Arbeit mit Menschen mit Demenz. Diese werden oft vorschnell als „nicht therapierbar“ eingestuft. Kaltenhofer widerspricht dieser Sichtweise deutlich. „Auch wenn Demenz nach aktuellem wissenschaftlichem Stand nicht heilbar ist, kann Therapie viel bewirken“, betont die Logopädin. Ziel ist es, Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten und eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes hinauszuzögern.
Individuelle Therapie
Die Therapiemöglichkeiten in der Logopädie sind vielfältig und werden immer individuell auf die Patient*innen abgestimmt. Nach einem Schlaganfall etwa wird häufig mit Bildmaterial gearbeitet, um Begriffe wieder abzurufen und das Sprachverständnis zu trainieren. Buchstabenlegetafeln helfen dabei, erste Schreibfähigkeiten wieder aufzubauen.
In der Stimmtherapie kommen Übungen mit der Singstimme zum Einsatz, um Lautstärke und Stimmkraft zu verbessern. Auch Therabänder oder spezielle Therapieschläuche können verwendet werden. Insgesamt steht eine große Bandbreite an Materialien und Methoden zur Verfügung.
Motivation in der Therapie
Während die Arbeit mit Kindern stark spielerisch gestaltet ist, braucht es in der Therapie mit Erwachsenen einen anderen Zugang. Gerade Schlaganfallpatient*innen dürfen nicht wie Kinder behandelt werden.
„Es ist wichtig herauszufinden, wer meine Patientin bzw. mein Patient ist und was sie oder ihn motiviert“, sagt Kaltenhofer. Freude an der Therapie, Humor und die Interessen der Patient*innen spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie tragen entscheidend dazu bei, dass Betroffene aktiv mitarbeiten.
Damit Fortschritte langfristig erhalten bleiben, ist auch die Zeit nach dem Klinikaufenthalt entscheidend. Kaltenhofer vergleicht das gerne mit einem Marathon: „Ein Marathonläufer schafft die 42 Kilometer auch nur, wenn er regelmäßig trainiert.“ Deshalb erhalten viele Patient*innen bei ihrer Entlassung Unterlagen und Übungsanleitungen, damit sie das Gelernte zuhause weiterführen können.
Besondere Momente
Viele Menschen verbinden Logopädie vor allem mit der Arbeit mit Kindern. Umso größer ist oft die Überraschung, wie vielfältig das Arbeitsfeld tatsächlich ist. Sylvia Kaltenhofer selbst begann ihre berufliche Laufbahn als Kindergartenpädagogin. In einem zweiten Bildungsweg absolvierte sie das Studium der Logopädie und spezialisierte sich anschließend auf neurologisch-geriatrische Patient*innen. Seit rund 15 Jahren arbeitet sie in diesem Beruf.
Besonders in Erinnerung bleiben ihr jene Momente, in denen Patient*innen große Fortschritte machen: wenn nach langer Zeit wieder die ersten Worte gesprochen werden, wenn jemand nach langer Stimmlosigkeit seine Stimme wieder hört – oder wenn eine Patientin nach langer Zeit wieder etwas essen kann. „Eine Patientin sagte einmal zu mir, dieses Joghurt sei das beste der Welt gewesen“, erzählt Kaltenhofer. „Solche Momente bleiben.“

