„Schmerzen führen oft zu einer sozialen Isolation“

Primaria Dr. Kordula Lang-Illievich, Leiterin der Schmerzambulanz sowie der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin in der Klinik Güssing, sprach in der "Radio Burgenland Sprechstunde" am 17. Juni 2024 mit ORF-Moderatorin Nicole Aigner über Schmerztherapien.

Viele Menschen finden sich damit ab, mit ihren Schmerzen zu leben. Das sollte nicht so sein, denn oft gibt es eine Chance die Lebensqualität zu verbessern.Hier setzt das Angebot der Schmerzambulanzen an. In der Klinik Güssig gibt es eine solche bereits seit vielen Jahren. Seit Februar 2024 steht sie ebenso wie die Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin unter der Leitung von Primaria Dr. Kordula Lang-Illievich: „Die Beeinträchtigungen durch Schmerzen können sehr massiv sein. Zum einen sind da die körperlichen Schmerzen bzw. die körperlichen Einschränkungen, die zu Funktionsverlust im Alltag führen. Aber natürlich gibt es auch emotionale Einschränkungen wie Angst, Frustration oder Depressionen, die oft chronisch Schmerzerkrankte begleiten“.

Besonders betroffen von chronischen Schmerzen seien Menschen mit Erkrankungen am Bewegungsapparat, vor allem Wirbelsäulenpatientinnen und -patienten. Menschen, die oft einen langen Leidensweg hinter sich haben, wo auch die psychische Komponente eine massive Rolle spielt. Aber, auch die soziale Komponente ist nicht zu unterschätzen, denn “Schmerzen führen oft zu einer sozialen Isolation, weil man im Alltag nicht mehr so mitkann”. Oft kommt es auch zu Problemen am Arbeitsplatz, manchmal sei sogar der Verlust des Arbeitsplatzes die Folge von chronischen Schmerzen.

Wie läuft ein Ersttermin in der Schmerzambulanz ab? Zunächst werden die Patientinnen und Patienten gebeten einen sehr ausführlichen Fragebogen auszufüllen. Dies soll zuhause erledigt werden, damit in Ruhe darüber nachgedacht werden kann, unter welchen Umständen und wann genau die Schmerzen auftreten. Zudem werden bisherige Behandlungsmethoden abgefragt. Gemeinsam wird danach ein individuelles Behandlungskonzept erarbeitet.

Wenn Schmerzen chronisch werden, wird es immer schwieriger aus diesem negativen Kreislauf wieder herauszukommen. Man spricht vom sogenannten Schmerzgedächtnis. Medikamente wirken schlechter und müssen ständig höher dosiert werden. Das kann negative Nebenwirkungen auf den Organismus haben. Nicht immer können chronischen Schmerzpatientinnen und –patienten alle Schmerzen genommen werden. „Wir klären Menschen mit chronischen Schmerzen darüber auf, dass hier eine komplette Schmerzfreiheit oft nicht realistisch ist. Wir besprechen, welche Ziele für den oder die einzelne wichtig sind. Diese sind oft sehr individuell“, erklärt die Leiterin der Schmerzambulanz.

Wichtige Säulen der Schmerztherapie

Wichtig in der Arbeit der Schmerzambulanz ist auch die seelische Unterstützung der Patientinnen und Patienten. Eine Psychotherapeutin unterstützt deshalb vor Ort, wenn nötig. Zudem gebe es medikamentöse Möglichkeiten die Psyche positiv zu beeinflussen.

Oft sind weitere Behandlungsmöglichkeiten Teil des Therapieplans. „An oberster Stelle sind physiotherapeutische Übungen. Bei sehr vielen Erkrankungen ist es nämlich wichtig in Bewegung zu bleiben“, erklärt die Primaria. Auch Akupunktur ist eine sehr wirkungsvolle Maßnahme. Sie wird in der Ambulanz angeboten. Die Behandlungserfolge seien sehr gut. Zusätzlich können Yoga und Meditation helfen, weil sie zur Entspannungsoptimierung beitragen.

Die moderne Schmerzmedizin entwickelt sich ständig weiter und gibt vielen Menschen Hoffnung. Die Behandlung von Menschen mit chronischen Schmerzen hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. „Besonders geändert hat sich, dass man nicht nur mehr versucht das Körperliche zu beeinflussen, sondern auch die psychologischen und sozialen Komponenten berücksichtigt. Zudem schaut man mehr darauf, dass nicht nur medikamentöse Therapien im Sinne von Tabletten verschrieben werden, weil diese häufig mit Nebenwirkungen vergesellschaftet sind“, führt die Schmerzspezialistin aus. Schmerzpflaster, Lasertherapien oder Bio-Feedback seien neuere Methoden, die in die Schmerzmedizin Einzug gehalten hätten. Meist beinhaltet ein Behandlungsplan einen Mix davon. Man spricht vom sogenannten multimodalen Behandlungsplan, der sowohl Medikamente, als auch Gespräche und Bewegungstherapien, etc. beinhaltet.

Schmerzen können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Nervenschmerzen etwa entstehen, wenn „im Nervensystem eine Funktionsstörung oder eine Verletzung der Nerven vorhanden ist.“ Diese seien oft typische „einschießende, elektrisierende Schmerzen“. Solche Schmerzen würden ein ganz anderes Behandlungskonzept verlangen, so Dr. Kordula Lang-Illievich. Psychogene Schmerzen indes haben keine eindeutige körperliche Ursache. Sie würden durch psychologische Faktoren, wie Depression, Angst oder traumatische Erfahrungen getriggert“.

Wie lange so ein Behandlungsreigen in der Schmerzambulanz dauert? Das sei sehr unterschiedlich. Manche Patientinnen und Patienten würden „über Jahre hinweg“ kommen, das sei aber eher selten. Meist kämen sie über mehrere Monate. Zum Schluss gibt es ein Abschlussgespräch mit den Patientinnen und Patienten.