Stechend, ziehend, blitzartig, pochend oder dumpf: Gesichtsschmerzen können sich auf unterschiedlichste Weise bemerkbar machen – und ebenso vielfältig sind ihre Ursachen. Für Betroffene beginnt damit oft ein langer Leidensweg mit zahlreichen Arztbesuchen und Untersuchungen. Warum die Diagnose häufig schwierig ist und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, darüber sprachPrim. Prof. Prof. h. c. Dr. Dr. med. Günther C. Feigl, Leiter der Abteilung für Minimalinvasive Neurochirurgie an der Klinik Oberwart, in der Radio-Burgenland-Sprechstunde.
Gesichtsschmerzen seien zunächst nichts Ungewöhnliches, erklärt Prof. Feigl. Sie könnten etwa im Rahmen einer Erkältung, einer Entzündung oder infolge von Zahnschmerzen auftreten. Entscheidend sei jedoch die Unterscheidung zwischen akuten Beschwerden, die viele Menschen irgendwann einmal erleben, und chronischen Schmerzen, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen.
Der Unterschied zwischen Kopf- und Gesichtsschmerzen liegt laut Prof. Feigl vor allem im sogenannten Trigeminusnerv. Dieser große Gesichtsnerv entspringt im Hirnstamm und verzweigt sich in drei Äste: zum Auge, zur Wange und zum Kiefer. Über ihn werden zahlreiche Schmerzreize weitergeleitet – vom Zahnschmerz bis hin zu Entzündungen im HNO-Bereich oder an den Augen. „Dieser Nerv transportiert besonders starke Schmerzen. Eigentlich ist das ein Alarmsignal des Körpers, doch bei manchen Erkrankungen wird permanent Fehlalarm ausgelöst“, so der Neurochirurg.
Ursachen schwer zu diagnostizieren
Um die Ursache von Gesichtsschmerzen festzustellen, sei zunächst eine umfassende Abklärung notwendig. Zuerst müssten mögliche Auslöser im Zahn-, Hals-Nasen-Ohren- oder Kieferbereich ausgeschlossen werden. Bleiben die Beschwerden bestehen, folgen neurologische Untersuchungen sowie eine MRT-Bildgebung des Schädels. Werden dabei Auffälligkeiten am Trigeminusnerv oder am Hirnstamm als mögliche Ursache für die Trigeminusneuralgie diagnostiziert, erfolgt die weitere Abklärung durch einen Neurochirurgen oder eine Neurochirurgin.
Die Trigeminusneuralgie zählt zu den stärksten bekannten Schmerzformen. Früher sei sie sogar als „Selbstmorderkrankung“ bezeichnet worden, berichtet Prof. Feigl. Die Schmerzattacken im Gesicht würden oft wie eine „Wurzelbehandlung ohne Betäubung im Sekundentakt“ empfunden. Typisch seien plötzlich einschießende Schmerzen, ausgelöst etwa durch Essen, Sprechen, Zähneputzen, Rasieren oder sogar kalten Wind.
Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Für die Erkrankten bedeutet die Neuralgie häufig eine enorme psychische Belastung. Viele ziehen sich sozial zurück, vermeiden Gespräche oder das Verlassen des Hauses aus Angst vor neuen Attacken. Nicht selten entwickeln sich daraus Depressionen.
Symptomatische und ursächliche Therapien
Bei der Behandlung muss zwischen der sogenannten typischen / klassischen und atypischen Trigeminusneuralgie unterschieden werden. Die typische Trigeminusneuralgie ist durch getriggerte Schmerzen und einem korrelierenden Gefäßnervkontakt im Bereich des Nervus trigeminus definiert. Die atypische Trigeminusneuralgie äußert sich durch einen Dauerschmerz bzw. Schmerzattacken ohne einen bestimmten Trigger und ist nicht immer mit einem Gefäßnervkontakt im Bereich des Nervus trigeminus verbunden. Zunächst kommen meist Medikamente zum Einsatz, die die Schmerzleitung dämpfen sollen. Helfen diese nicht ausreichend, stehen weitere Verfahren zur Verfügung – etwa hochpräzise radiochirurgische Bestrahlungen oder sogenannte Rhizotomien, bei denen der Nerv gezielt teilweise geschädigt wird, um die Schmerzweiterleitung zu unterbrechen.
Als ursächliche Therapie gilt bei der typischen Trigeminusneuralgie die sogenannte mikrovaskuläre Dekompression nach Jannetta. Dabei wird ein Gefäß, das auf den Nerv drückt, mikrochirurgisch vom Nerv getrennt. An der Klinik Oberwart wird dieser Eingriff ausschließlich minimalinvasiv durchgeführt. Über einen kleinen Schnitt hinter dem Ohr wird der Gefäß-Nerv-Kontakt unter dem Operationsmikroskop dargestellt und mit einem kleinen Teflonpolster dauerhaft getrennt. Unterstützt wird der Eingriff durch moderne Verfahren wie Neuromonitoring (intraoperative Nervenstrommessung), Neuronavigation sowie 3D- und Virtual-Reality-Planung.
Auch wenn die Operation am Hirnstamm erfolgt, handle es sich laut Prof. Feigl nicht um einen Hochrisikoeingriff. Dennoch seien sensible Strukturen wie Hör-, Gleichgewichts- und Gesichtsnerven betroffen, weshalb höchste Präzision erforderlich sei.
Die typische Trigeminusneuralgie tritt vergleichsweise selten auf – etwa bei vier bis sechs Personen pro 100.000 Einwohner. Häufig beginne die Erkrankung zunächst mit einzelnen Schmerzattacken, die wieder verschwinden. Im Laufe der Zeit würden die Attacken jedoch häufiger und intensiver.
Atypische Gesichtsschmerzen
Neben der klassischen Form gibt es auch atypische Gesichtsschmerzen. Diese können etwa nach Zahnbehandlungen, Verletzungen oder Virusinfektionen entstehen. Chronifizieren sich die Beschwerden, sprechen Mediziner*innen von neuropathischen Schmerzen – einer Form, die besonders schwer behandelbar ist. Auch Menschen mit Multipler Sklerose können von einer Trigeminusneuralgie betroffen sein.
Begleitend zur medizinischen Behandlung seien auch Schmerztherapie und psychologische Betreuung wichtig, betont Prof. Feigl. Dabei gehe es nicht darum, die Schmerzen als „psychisch“ abzutun, sondern den Betroffenen Strategien im Umgang mit der enormen Belastung zu vermitteln.
Die Erfolgsaussichten hängen stark von der Form der Erkrankung ab. Bei der typischen / klassischen Trigeminusneuralgie mit Gefäß-Nerv-Kontakt liegen die Chancen auf deutliche Besserung nach einer Operation bei über 90 Prozent. Bei atypischen Formen seien die Erfolgschancen jedoch mit ca. 50 Prozent deutlich geringer.
Fest steht für Prof. Feigl vor allem eines: Eine rasche Diagnose und gezielte Behandlung können den Leidensweg vieler Betroffener erheblich verkürzen.

