„Es ist ein Mythos, dass Kniegelenke komplizierter zu operieren sind“

OA Dr. Werner Maurer-Ertl (ärztlicher Direktor der Klinik Güssing) von der Abteilung für Orthopädie und orthopädische Chirurgie, sprach in der "Radio Burgenland Sprechstunde" am 13. Juni 2024 mit ORF-Moderatorin Nicole Aigner über künstliche Gelenke.

In der südburgenländischen Klinik Güssing werden täglich zwischen vier und fünf künstliche Gelenke implantiert – Tendenz steigend. Die Patientinnen und Patienten kommen nicht nur aus dem Burgenland, sondern auch aus der benachbarten Steiermark. Bis 2040 wird eine Verdoppelung der Zahl erwartet. In den vergangenen zehn Jahren haben sich für Patientinnen und Patienten der orthopädischen Chirurgie vor allem durch die minimalinvasive Chirurgie große Vorteile ergeben. „Der Hauptvorteil dabei ist, dass wesentlich muskelschonender operiert werden kann und die Patientinnen und Patienten ihre normale Mobilität viel früher zurückgewinnen“, erklärt der ärztliche Direktor der Klinik Güssing, OA Dr. Werner Maurer-Ertl, von der Abteilung für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in der „Radio Burgenland Sprechstunde“ zum Thema künstliche Gelenke. „Sie müssen sich das so vorstellen, dass wir die Muskulatur stumpf auseinanderdrängen, so als würde man einen Vorhang öffnen. Dann implantieren wir das Gelenk. Wenn wir hinterher die Muskulatur wieder loslassen, dann ist es so, als würden Sie den Vorhang wieder zumachen. Und Sie sehen keine Verletzungen der Muskulatur. Das ist das Grundprinzip der minimalinvasiven Eingriffe“, erklärt der Spezialist auf dem Gebiet der Endo-Prothetik derartige Operationen plastisch.

Nicht nur Operationstechniken, sondern auch die Materialen der künstlichen Knie- und Hüftgelenke haben sich in den vergangenen Jahren enorm verändert. Die metallischen Anteile, also jene, die im Knochen verankert werden, bestehen aus Titanlegierungen. Sogenannte Gleitpartner, also jene Komponenten, die sich bewegen, bestehen an der Hüfte aus Keramik. Der Vorteil: Hier gibt es ein Leben lang keinen Abrieb. Die Haltbarkeit wird entsprechend verlängert. Im Bereich des Kniegelenkes sind die beweglichen Teile aus hochvernetztem Polyethylen.

Materialermüdung ist dabei kaum mehr ein Thema. Implantate können rein vom Material her bis zu 30 Jahre und mehr halten. Das zeigen Erfahrungen. „Es gibt jedoch andere Gründe, warum ein Implantat vorzeitig gewechselt werden muss. Diese kann man nicht beeinflussen. Prinzipiell ist es aber machbar, dass ein künstliches Gelenk ein Leben lang hält“, erklärt der Experte.

„Operation des Jahrhunderts“

„Es ist ein Mythos, dass Kniegelenke komplizierter zu operieren sind“, verrät Maurer-Ertl. Dieser Mythos sei dem Umstand geschuldet, dass „Knie-Patienten“ nach der Operation häufiger etwas mehr Schmerzen hätten. Daraus leite man ab, dass die Operation schwieriger wäre, was nicht der Fall sei. Die Hüftgelenksoperation wird oft auch als „Operation des Jahrhunderts“ bezeichnet. Warum das so ist? In der international renommierten Zeitschrift „New England Journal of Medicine“ wurde die Implantation des künstlichen Hüftgelenkes von den Journalistinnen und Journalisten einheitlich so bezeichnet, weil sie für die Patientinnen und Patienten eine riesengroße Verbesserung der Lebensqualität bedeutet. Diese ginge sogar so weit, verdeutlicht der Oberarzt, dass Patientinnen und Patienten nach einer gewissen Zeit darauf vergessen würden, dass sie ein künstliches Gelenk haben. Auch immer mehr jüngere Patientinnen und Patienten (die Hauptgruppe ist bisher zwischen 60 und 80 Jahre alt) würden sich ihre Gelenke ersetzen lassen. „Weil die Gelenke länger halten, kann man schon früher operieren, denn – zumindest was das Material betrifft – sei kein Austausch mehr nötig“, erklärt Dr. Maurer-Ertl.

Angst vor der Operation nehmen  

„Hätte ich es nur früher gemacht.“ Mit diesen Worten reagieren viel Patientinnen und Patienten nach der Operation. „Wir nehmen den Patienten die Angst, aber wir versuchen ihnen nicht den Respekt zu nehmen“, erklärt Dr. Maurer-Ertl. Und weiter: „Wir verkaufen hier ja keine Sportgeräte, es ist und bleibt ein künstlicher Gelenksersatz.“ Viele hätten auch große Sorge, sich gefürchtete Krankenhauskeime einzufangen. „Das ist ein bisschen ein Schreckgespenst. Untersuchungen zeigen, dass Infektionen sehr selten vorkommen, und es sind wirklich sehr selten multiresistente Krankenhauskeime, sondern Keime, die von auswärts mitgebracht werden. Mit entsprechenden Wasch- und Desinfektionsmaßnahmen kann man hier die Keimzahl reduzieren“, beruhigt der Experte.

Um Keimen ein Schnippchen zu schlagen, könne man auch aktiv vorsorgen. Besonders gefährdete Patientinnen und Patienten bekämen vor dem Eingriff spezielle Waschlotionen und Nasensprays zur besseren Hygiene. Zudem sei Zahn- und Mundhygiene wichtig. „Beherdete Zähne können für Infektionen Streuherde sein“, erklärt der Oberarzt. Was vor der Operation noch wichtig ist? Körperlich fit bleiben und die Muskulatur aufbauen, etwa im Rahmen einer Physiotherapie, damit die Rehabilitation nach dem Eingriff rascher geht. Um Schmerzen zu reduzieren empfiehlt sich – in Abstimmung mit den Hausärzten – eine entsprechende Schmerzmedikation.

Und nach der OP? „Prinzipiell sollten Stoßbewegungen vermieden werden, etwa aus größeren Höhen hinunterspringen, alle anderen Bewegungen, insbesondere runde sportliche Belastungen wie Nordic Walking, leichtes Laufen, Schwimmen, Radfahren oder Skifahren sollten wieder normal möglich sein“, erklärt Dr. Maurer-Ertl. Bereits nach dem ersten Tag der Operation wird eine physiotherapeutische Begleitung, insbesondere Lymphdrainagen, also abschwellende Maßnahmen, empfohlen. Alles hänge von der körperlichen Fitness der Patientinnen und Patienten ab. Es gilt: „Alles, was Sie leicht und ohne Schmerzen machen können, dürfen Sie auch machen.“ In manchen Fällen ist eine gleichzeitige Reduktion des Körpergewichts ratsam.

Ob es auch möglich ist, zwei Gelenke auf einmal zu operieren? „Bei den Hüftgelenken wird das bereits praktiziert – bei jungen und gesunden Patienten“, weiß der Experte. Bei Kniegelenken sei eine Doppel-OP die absolute Ausnahme. Ein Mix von Knie und Hüfte würde nicht praktiziert, da die Remobilisation unterschiedlich sei.