Dem Kopfschmerz auf der Spur

OA Dr. Ronald Saurugg im weißen Arztkittel
Warum bei der Diagnose von Kopfschmerzerkrankungen die Mitarbeit von Patient*innen besonders wichtig ist, verriet der Neurologe OA Ronald Saurugg in der Radio Burgenland Sprechstunde.

Für die einen sind sie ein gelegentliches Ärgernis, für die anderen ein dauerhafter Begleiter: Kopfschmerzen. Wenn diese immer wiederkehren, werden sie zur Belastung im Alltag. Wie man herausfindet, woher der Kopfschmerz kommt und wie man ihn gezielt behandeln kann, erklärte der Neurologe Oberarzt Dr. Ronald Saurugg von der Abteilung für Neurologie an der Klinik Oberwart in der Radio Burgenland Sprechstunde.

Rund 4 Milliarden Menschen weltweit sind von wiederkehrenden Kopfschmerzen betroffen. Das heißt, fast die Hälfte aller Menschen auf der Welt. Woran liegt das?

Wichtig ist zwischen Kopfschmerzkrankheiten an sich und Krankheiten, die mit Kopfschmerzen einhergehen, zu unterscheiden. Es gibt sehr viele Umstände, die mit Kopfschmerzen einhergehen können. Diese reichen von grippalen Infekten bis hin zu Vorzeichen für eine Blutdruckerkrankung. Es kann sich aber auch um typische Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne, einen Clusterkopfschmerz oder Spannungskopfschmerz handeln. Da es so viele unterschiedliche Ursachen gibt, sind so viele Menschen von Kopfschmerzen betroffen.

Wenn Sie als Neurologe nach den Ursachen suchen, folgen Sie einem ganz bestimmten Credo. Welches ist das?

Jeder und jede Kopfschmerzpatient*in sollte einmal eine Bildgebung von seinem/ihrem Gehirn machen lassen – optimalerweise auch von den Gefäßen im Gehirn, um auszuschließen, dass es sich um sogenannte symptomatische Kopfschmerzformen handelt, etwa eine Tumorerkrankung im Gehirn, eine Gefäßmissbildung, eine Hirnblutung oder eine Entzündung.

Es ist also auch ganz wichtig zu wissen, was man nicht hat. Um eine Diagnose stellen zu können, sind Ärzt*innen auch auf die Informationen der Patient*innen angewiesen. Was wollen Sie denn genau wissen?

Ganz wichtig für uns sind immer die Umstände, unter denen ein Kopfschmerz auftritt oder aufgetreten ist. War das nach einer Anstrengung oder nach einer Kopfverletzung? Ein klassisches Beispiel hierfür wäre ein Bagatelltrauma nach einem Kopfball am Fußballplatz. Zudem müssen wir wissen, welche Begleiterscheinungen zum Kopfschmerz bestehen: Übelkeit, Lichtempfindlichkeit, Lärmempfindlichkeit oder Fieber? Zudem ist es für eine Diagnose wichtig zu wissen, wo der Kopfschmerz lokalisiert ist. Tritt er einseitig, beidseitig, eher vorne oder eher hinten auf? Und: Ist er verbunden mit einem tränenden Auge oder einer Gesichtshälfte, die anschwillt? Nimmt er zu, wenn man Kopf nach vorne beugt? Wir sind sehr davon abhängig, was uns die Patient*innen erzählen.

Das heißt, man muss als Patientin oder als Patient sehr aufmerksam sein. Ein Schmerztagebuch zu führen, kann dabei helfen. Was ist das genau?

Es gibt eigene Kopfschmerztagebücher, die wir in unseren Ambulanzen anbieten. Darin wird die Intensität der Schmerzen mithilfe von Emojis abgebildet. Grundsätzlich kann man seine Wahrnehmungen aber auch in einem privaten Kalender oder am Handy eintragen. Es gibt sogar eigene Apps dafür. Wichtig für uns ist, zu erfahren, wie häufig die Schmerzen tatsächlich auftreten. Ein Tagebuch hilft hierbei, den Überblick zu bewahren oder festzuhalten, ob ein Kopfschmerz einseitig oder beidseitig ist, und ob eine Licht- oder Lärmempfindlichkeit besteht.

Lassen Sie uns die unterschiedlichen Kopfschmerzarten individuell anschauen: Welche Hinweise sprechen für Migräne?

Migräne wird sehr oft von halbseitigen Gefühls-, Sprech- oder Sehstörungen, wie Blitzen, eingeleitet. Hierbei ist es wichtig, zuerst Gefäßerkrankungen, wie einen Schlaganfall, als Ursache auszuschließen. Gehen die Schmerzen mit anderen Eckpfeilern der Migräne wie Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und Ruhebedürfnis einher, ist die Diagnose Migräne sehr wahrscheinlich. In diesem Fall gibt es gute und effektive Therapiemöglichkeiten.

Die Ursache zu kennen, ist für den Therapieerfolg sehr wichtig, vor allem auch, weil die Lösung bei weitem nicht immer nur das klassische Schmerzmittel ist. Welche anderen Möglichkeiten gibt es konkret im Fall von Migräne?

Die vergangenen Jahre haben sehr gute Möglichkeiten in der Migräneprophylaxe gebracht. Früher musste man dafür täglich Medikamente einnehmen. Heute stehen uns Spritzentherapien zur Verfügung, die sich Betroffene selbst mittels Pen einmal im Monat applizieren können. Dadurch reduziert sich die Frequenz von Migräneattacken deutlich bzw. schwächt es diese in ihrer Stärke ab.

Welche Wege gibt es bei Spannungskopfschmerz?

Bei Spannungskopfschmerz ist gleichzeitig oft auch der Blutdruck zu hoch und muss unter Umständen ebenso therapiert werden. Hierzu kann man muskelentspannende Medikamente oder auch klassische Schmerzmittel einsetzen. Teilweise können auch Medikamente aus dem Bereich der Schmerzwahrnehmung, etwa aus dem Formenkreis der Antidepressiva, Linderung verschaffen.

Welche Möglichkeiten gibt es bei Clusterkopfschmerz?

Die effektivste Therapie bei Clusterkopfschmerz ist die Sauerstofftherapie. Oft testet man zunächst im Rahmen eines stationären Aufenthalts, ob die Therapie wirksam ist. Dabei inhalieren Betroffene mithilfe einer Sauerstoffdruckflasche in kurzer Zeit sehr viel Sauerstoff. Danach kann die Therapie auch zu Hause durchgeführt werden.

Zurück zu Schmerzmitteln: Warum sollten diese keinesfalls gemischt werden?

Das Mischen verschiedener Schmerzmittel kann – über Jahre angewendet –sogenannten Schmerzmittel-Kopfschmerz verursachen. Setzt die Wirkung eines Schmerzmittels nicht wie gewünscht ein, ist es ratsamer, die Dosis – wie von Hausarzt/Hausärztin oder Neurolog*in geraten – nach oben auszureizen, und nicht auf ein alternatives Schmerzmittel zurückzugreifen. Wichtig zu wissen ist, dass man sich auf keinen Fall mit den Schmerzen abfinden muss. Es gibt sehr viele medikamentöse, aber auch nicht medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten. Bei Spannungskopfschmerz zeigen beispielsweise Entspannungsübungen nach Jacobson oft lindernde Wirkung. Dabei versetzt man sich auf Basis eines autogenen Trainings selbst in einen Ruhezustand. Bei manchen Migränearten erzielt auch Akupunktur sehr gute Erfolge.

Welche Ursachen – banal wirkende Dinge im Alltag – haben das Potenzial, einen großen Unterschied zu machen, werden aber von Patient*innen häufig unterschätzt?

Ganz oft unterschätzt wird der Flüssigkeitsmangel, vor allem bei alten Leuten, die zu trinken vergessen. Oft lässt auch das Durstgefühl im Alter nach. Ebenso unterschätzt wird der Blutdruck, der häufig in Zusammenhang mit Kopfschmerzen steht und sich durch ein Druckgefühl bzw. ein pochendes Gefühl im Kopf zeigt.

Welche Rolle spielen Stress, Schlafmangel oder Ernährung?

Das sind alles Faktoren, die einen bestehenden Kopfschmerz, vor allem einen chronischen Kopfschmerz, verstärken können. Bei vielen Migränepatient*innen verstärken sich die Kopfschmerzattacken mehr als gewöhnlich, wenn sie Stress haben, wenig schlafen oder zum Beispiel Käse essen oder Wein trinken.

Was würden Sie den Menschen mit auf den Weg geben, die schon seit Jahren unter Kopfschmerzen leiden?

Nicht zu glauben, es gibt nichts. Es gibt immer etwas, das man tun kann.