Darmgesundheit: Kleiner Test mit großer Wirkung

OA Dr. Gernot Leeb
Dr. Gernot Leeb, Oberarzt in der Abteilung für Innere Medizin an der Klinik Oberpullendorf, sprach in der Radio Burgenland Sprechstunde zum Thema Darmkrebsvorsorge und Mikrobiom.

Vorsorgeprogramme zählen zu den wichtigsten Errungenschaften der Gesundheitspolitik. Das Burgenland wird dabei häufig als Paradebeispiel genannt – insbesondere mit seinem Programm zur Darmkrebsvorsorge. In Österreich umfasst diese Vorsorge den jährlichen immunologischen Stuhltest ab dem 40. Lebensjahr sowie eine Darmspiegelung ab 50. Dickdarmkrebs zählt zu den häufigsten und zugleich gefährlichsten Krebserkrankungen der Wohlstandsgesellschaft.

Dass sich das Burgenland vom Schlusslicht der Statistik zu einem echten Vorreiter entwickelt hat, ist ein Erfolg, der gefeiert werden darf. Vor mehr als 20 Jahren nahm das burgenländische Vorzeigemodell seinen Anfang. Oberarzt Dr. Gernot Leeb von der Klinik Oberpullendorf war bereits damals als junger Arzt von Beginn an involviert.

Von Angst zu Aufklärung

Seit dem Start habe sich vieles verändert – allen voran die Sprache, schildert Dr. Leeb in der Radio-Burgenland-Sprechstunde. Ursprünglich trug das Projekt den Titel „Burgenland gegen Dickdarmkrebs“. „Rückblickend keine gute Wahl, denn der Name schürte Ängste und führte bei manchen Menschen zu Distanz, obwohl es sich um eine sinnvolle und wichtige Initiative handelte“, so Leeb. Die Gesamtbilanz zeigt jedoch eindeutig: Das Programm war und ist eine Erfolgsgeschichte. „Eine Zwölfjahresübersicht zeigt, dass rund 1.200 Darmkrebserkrankungen operiert werden mussten – inklusive Folgekosten wie Chemo- oder Immuntherapien. Dem gegenüber stehen etwa ebenso viele Karzinome, die durch den Einsatz der immunologischen Stuhltests verhindert werden konnten“, weiß der Experte.

Die Kosten für Operationen und Folgebehandlungen beliefen sich – ganz abgesehen vom menschlichen Leid – auf rund 30 Millionen Euro. Dem gegenüber standen Ausgaben von lediglich etwa 4,5 Millionen Euro für das gesamte Vorsorgeprogramm.

Geniales Konzept

Das Geniale an der Aktion ist ihre Niederschwelligkeit: Burgenländer*innen erhalten den Test ab dem 40. Geburtstag jährlich automatisch und kostenlos nach Hause geschickt. Auch wenn der Test nicht immer sofort genutzt wird, zeigen Studien, dass Wiederholung und sozialer Einfluss durch Familie oder Freundeskreis die Teilnahme deutlich erhöhen.
Der Test ist nicht invasiv, schmerzfrei und mittlerweile einfach handhabbar. Die Auswertung erfolgt zentral in einem Labor in Eisenstadt. Wichtig dabei: „Ein positiver Test ist kein Todesurteil“, betont OA Leeb. In rund zwei Drittel der Folgeuntersuchungen wird keine Erkrankung festgestellt. Und selbst im verbleibenden Drittel handelt es sich nicht zwangsläufig um Krebs – auch Polypen, Adenome oder Divertikel können die Ursache sein. Bereits kleinste Blutmengen von 50 Nanogramm werden vom Test erkannt. Ein positives Ergebnis bedeutet lediglich, dass Blut im Stuhl nachgewiesen wurde. Die weitere Abklärung erfolgt mittels Koloskopie.

Wesentlich ist, dass das Programm die Haltung zur Vorsorge im Burgenland nachhaltig verändert hat. Während eine Darmkrebsdiagnose früher oft als unabwendbares Schicksal galt, wird heute offen und landesweit über Prävention gesprochen. Vorsorge ist Teil des öffentlichen Bewusstseins geworden.

Was stärkt die Darmgesundheit?

Bewegung, ausgewogene Ernährung, Nichtrauchen und ausreichendes Trinken sind zentrale Faktoren. Besonders die Ernährung wirft viele Fragen auf. Wir wissen heute, dass das Darmmikrobiom eine entscheidende Rolle spielt – auch wenn viele Details noch unerforscht sind. Klar ist: Jeder Mensch braucht etwas anderes. Pauschale Ernährungsempfehlungen greifen zu kurz.

Auch therapeutisch hat sich viel getan. Während Chemotherapien früher oft große Nebenwirkungen hatten, gibt es heute gezielte Immun- und Targettherapien. „Jede Patientin und jeder Patient braucht eine individuelle Behandlung“, so Leeb.

Das Darmmikrobiom ist ein hochkomplexes, individuelles System mit Auswirkungen auf die körperliche und psychische Gesundheit – Stichwort Darm-Hirn-Achse. Der Idealzustand ist die Homöostase, also ein stabiles Gleichgewicht. Dieses zu finden sei in Zeiten hochverarbeiteter Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel nicht einfach. Leebs Rat: auf das eigene Bauchgefühl hören, Maß halten und der inneren Stimme wieder mehr Raum geben. Grenzen zwischen Körper und Psyche lassen sich dabei nicht ziehen. Bewegung ist ein gutes Beispiel: Schon regelmäßiges Gehen kann Erkrankungen wie Demenz vorbeugen – körperliche und geistige Aktivität gehen Hand in Hand. Die besten Tipps für einen gesunden Darm sind regelmäßige Bewegung, ausreichend trinken, nicht rauchen, wenig Fleisch, wenig Zucker und der Verzicht auf Energydrinks. Ernährung lasse sich jedoch nicht über einen Kamm scheren, so Leeb. Intuition spiele eine wichtige Rolle – ein Aspekt, der in der modernen, stark reglementierten Ernährungswelt oft verloren gehe.

Nahrungsergänzungsmittel seien diagnostisch oft eher hinderlich als hilfreich. Für eine saubere Abklärung müssten sie über Wochen oder Monate abgesetzt werden. Bei Durchfallerkrankungen empfiehlt Leeb einfache Schonkost und klassisches Joghurt – meist völlig ausreichend.

Blick in die Zukunft: Forschung und Mikrobiom

Neu ist, dass mittlerweile nicht nur auf okkultes Blut hin getestet wird, sondern dass auch das Mikrobiom sequenziert wird. Ziel ist es, Zusammenhänge zwischen bakterieller Zusammensetzung und der Entstehung von Polypen, Adenomen, Darmkrebs oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu erkennen. Das Institut für Krebsforschung spielt dabei eine zentrale Rolle.

Mit dem Rücklauf der Tests ist man sehr zufrieden. Entscheidend sei die Kommunikation. Während der frühere Projektname negative Emotionen auslöste, setzen neue Vorträge zu dem Thema bewusst auf positive Bilder – etwa unter dem Titel „Videospielen im Bauch“. Endoskopien seien, so Leeb augenzwinkernd, durchaus mit einem Pac-Man-Spiel im Labyrinth vergleichbar: aufräumen, bevor Schaden entsteht.