Kreuzschmerzen gehören zu den häufigsten Erkrankungen unserer Zeit. Welche Anzeichen auf Probleme der Bandscheiben hindeuten und welche Wege zur Linderung oder Heilung führen können, erläutert Oberarzt Dr. Daniel Staribacher, Leiter des Wirbelsäulenzentrums an der Klinik Oberwart.
Dr. Staribacher ist Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Neurochirurgie und deckt damit das gesamte Spektrum der Wirbelsäulenchirurgie ab. Seit vielen Jahren zählt sowohl die operative als auch die konservative Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen zu seinen besonderen Schwerpunkten.
Bandscheiben wirken wie Stoßdämpfer in der Wirbelsäule – leider sind sie aber auch Verschleißteile. Der Experte gibt Tipps, um sie gesund und funktionstüchtig zu halten: „Bandscheiben bestehen aus einem flüssigkeitsreichen Kern, daher ist es wichtig, ausreichend zu trinken, um sie gut zu hydrieren. Noch entscheidender ist Bewegung: Die Wirbelsäule ist nicht dafür gemacht, sechs bis acht Stunden am Stück zu sitzen. Evolutionär betrachtet war der Mensch viel aktiver, und unsere Wirbelsäule ist entsprechend dafür ausgelegt.“
Ebenso entscheidend sei ein starkes Muskelkorsett: Bauch- und Rückenmuskeln, also die rumpfstabilisierende Muskulatur, schützen die Wirbelsäule und helfen, Beschwerden im Alter zu vermeiden. „Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Erkrankungen der Bevölkerung. Wer die Muskulatur trainiert und sich bewegt, kann dem gezielt vorbeugen“, beteuert der Arzt. Kurz gesagt: Hydration, Bewegung und ein starkes Muskelkorsett sind die drei wichtigsten Faktoren für gesunde Bandscheiben.
Selbstheilungskräfte der Bandscheibe
Bandscheiben sind wahre Wunderwerke und unser Körper besitzt erstaunliche Selbstheilungskräfte. „Ein Bandscheibenvorfall kann sich tatsächlich teilweise zurückbilden“, gibt OA Staribacher allen Betroffenen Hoffnung. Das passiere teils ganz von selbst, hänge aber stark davon ab, wo der Vorfall liegt. „Die Bandscheibe selbst ist ein flüssigkeitsgefüllter Stoßdämpfer: Tagsüber wird sie durch Druck ‚ausgepresst‘ und nachts wieder mit Flüssigkeit aufgefüllt. Der Vorfall nimmt an diesem Prozess nicht teil und ‚trocknet‘ daher mit der Zeit wie eine Rosine aus. Dadurch können sowohl der Vorfall als auch die Beschwerden nach und nach abnehmen“, so der Experte im Detail.
Entscheidend sei, ob der Vorfall auf eine Nervenwurzel drückt und wie der individuelle Verlauf aussieht. Die Bandscheibe heilt zwar, ähnlich wie die Haut, mit einer Art Narbe – vollständig wie vorher würde sie jedoch meist nicht. Deshalb sei es besonders wichtig, das umliegende Muskelkorsett zu stärken. So wird die Belastung auf die bereits vorgeschädigte Bandscheibe minimiert und das Risiko weiterer Probleme reduziert.
Welche Symptome deuten auf ein Bandscheibenproblem hin?
Der klassische Hexenschuss äußert sich durch plötzliche Rückenschmerzen, die meist muskulär bedingt sind und in der Regel nach spätestens sechs Wochen wieder abklingen. Die Verwechslung mit einem Bandscheibenvorfall ist durchaus verständlich. Ein Bandscheibenvorfall kann ebenfalls mit starken Rückenschmerzen beginnen, entwickelt jedoch typischerweise einen ausstrahlenden Schmerz, oft als Ischiasschmerz bezeichnet. Dieser tritt auf, wenn ausgetretenes Bandscheibengewebe auf einen Nerv drückt. Schmerzen, die ins Bein oder in die Arme ausstrahlen, sind ein deutliches Anzeichen für einen Bandscheibenvorfall.
Wann ist ein Arztbesuch ratsam?
Ein echter Notfall in der Wirbelsäulenchirurgie liegt vor, wenn akute Lähmungen auftreten, also wenn Beine oder Arme plötzlich nicht mehr bewegt werden können. Dies deutet darauf hin, dass ein großer Bandscheibenvorfall stark auf einen Nerv drückt. Bleibt der Druck zu lange bestehen, kann der Nerv dauerhaft geschädigt werden. „Selbst eine Operation kann dann die Funktion nicht mehr vollständig wiederherstellen“, warnt Dr. Staribacher.
Ähnlich kritisch seien Blasenentleerungsstörungen oder Stuhlinkontinenz, da hier die Nerven betroffen sind, die die Schließmuskeln steuern. Auch diese Schäden können sich möglicherweise nicht zurückbilden.
Bei isolierten Rückenschmerzen, die meist innerhalb von sechs Wochen von selbst abklingen, empfiehlt die Leitlinie in der Regel keine sofortige Diagnostik. Hier helfen Schmerzmittel, Physiotherapie und gezielter Muskelaufbau.
Chronische Schmerzen verhindern
Es ist entscheidend, zu verhindern, dass Rückenschmerzen chronisch werden. Beim klassischen Hexenschuss ist das Risiko zwar gering, doch wenn die Beschwerden nicht von selbst abklingen, sollte unbedingt eine Abklärung erfolgen. „Schmerz ist immer ein Alarmsignal des Körpers, das darauf hinweist, dass etwas nicht stimmt“, weiß der Leiter des Wirbelsäulenzentrum an der Klinik Oberwart. Patient*innen seien dabei aktiv gefordert: Ein Schmerztagebuch hilft, die Beschwerden genau zu dokumentieren. Wichtige Fragen dabei sind:
- Seit wann besteht der Schmerz?
- Entstand er durch eine bestimmte Bewegung oder Belastung?
- Tritt der Schmerz auch in Ruhe auf oder nur bei Belastung?
- Wann verschlimmert er sich, wann wird er besser?
- Erscheint er z. B. beim längeren Gehen?
Solche Informationen helfen Ärzt*innen, die Ursache genau zu erkennen und gezielt zu behandeln, bevor sich das Problem chronifiziert.
Selbsthilfe bei Rückenschmerzen: Was ist zu empfehlen?
Die Möglichkeiten sind vielfältig. Für den Muskel ist es egal, welche Trainingsform man wählt – wichtig ist Regelmäßigkeit und Freude an der Bewegung. Ob Pilates, Yoga, Klettern, Schwimmen oder Reiten: Alle Sportarten, bei denen die Rumpfmuskulatur stabilisiert wird, eignen sich besonders gut zum Aufbau der Wirbelsäulenmuskulatur. Wer neu mit einer Sportart beginnt, sollte sich professionelle Anleitung von Trainer*innen oder Physiotherapeut*innen holen. Falsche Übungen können zu Überlastung und stärkeren Schmerzen führen.
Bei muskulär bedingtem Hexenschuss hilft Wärme, da sie die Muskulatur entspannt. Bei Bandscheibenvorfällen mit gereizter Nervenwurzel kann Kälte entzündungshemmend wirken. Massagen oder ein warmes Bad können bei akuten Verspannungen kurzfristig Linderung verschaffen, lösen das Problem aber nicht dauerhaft. Wichtig: Um ein Wiederauftreten zu vermeiden, muss die Muskulatur langfristig trainiert werden. Kurzfristig können auch rezeptfreie Schmerzmittel eingesetzt werden.
Der Muskelaufbau steht im Vordergrund. Ob mit Unterstützung durch die Physiotherapie, durch Pilates oder Yoga – entscheidend ist, dass die Muskulatur gezielt trainiert wird. „Vor Beginn des Trainings sollte eine Abklärung der Beschwerden erfolgen – sei es im Wirbelsäulenzentrum oder beim niedergelassenen Orthopäden. Denn nicht alle Rückenschmerzen lassen sich einfach wegtrainieren“, gibt der Experte zu Bedenken. Erkrankungen wie eine Spondylolyse oder ein Wirbelgleiten hätten andere Ursachen. Dennoch könne gezieltes Training auch hier helfen, die Muskulatur zu stärken und eine Operation nach Möglichkeit zu vermeiden.
Wann ist eine OP an der Bandscheibe unumgänglich?
„Eine Operation ist vor allem in Notfällen notwendig, etwa wenn rasch Druck von einem Nerv genommen werden muss“, weiß Dr. Staribacher. Grundsätzlich hänge die Entscheidung jedoch davon ab, wo der Bandscheibenvorfall liegt und wie stark die Beschwerden sind. Die Mehrheit der Bandscheibenvorfälle heilt auch ohne chirurgischen Eingriff aus. In manchen Fällen sei eine Operation dennoch sinnvoll oder notwendig. Dafür stünden heute schonende, minimalinvasive Verfahren zur Verfügung. Wie bei jedem operativen Eingriff besteht zwar ein gewisses Risiko, dieses ist dank moderner Techniken jedoch überschaubar. Daher gilt es stets, den potenziellen Nutzen einer Operation sorgfältig gegen die möglichen Risiken abzuwägen.
Die Operationstechniken haben sich in den vergangenen Jahren stark weiterentwickelt und sind heute deutlich schonender und minimalinvasiver. „Bandscheibenoperationen können mittlerweile über einen Hautschnitt von nur etwa einem halben Zentimeter durchgeführt werden, teilweise sogar endoskopisch unterstützt. Dadurch wird wesentlich weniger Gewebe geschädigt und die Erholungszeit verkürzt sich“, verdeutlicht der Experte.
Auch Versteifungs- und Stabilisierungseingriffe werden nach wie vor durchgeführt. Dabei orientiert sich die Medizin an der Natur: Bei fortgeschrittenem Verschleiß versucht der Körper selbst, schmerzhafte Beweglichkeit zu reduzieren, indem er instabile Strukturen „versteift“. Ist eine Bandscheibe so stark geschädigt, dass keine andere Therapie mehr möglich ist, sind stabilisierende Operationen ein bewährter Standard. Zudem haben sich auch die Medizinprodukte erheblich verbessert. Moderne Implantate sind gezielt auf die jeweilige Operation abgestimmt. Sie sind langlebig und werden durch weiterentwickelte Schrauben-Stab-Systeme ergänzt.
Vorbeugung im Alltag
Vorbeugung ist entscheidend. Rückenschonendes Arbeiten, das Vermeiden von schwerem Heben und Tragen – oder zumindest korrektes Heben – spielen dabei eine zentrale Rolle. Lasten sollten aus den Beinen heraus gehoben werden, nicht ruckartig und nicht aus dem Rücken, denn dafür ist die Rückenmuskulatur zu schwach. Solche Bewegungsabläufe werden etwa im Rahmen einer Rehabilitation vermittelt, ebenso wie das richtige Aufstehen ohne Verdrehung der Wirbelsäule. Eine gut trainierte Muskulatur ist die beste Prävention gegen Rückenbeschwerden. Wichtig ist, von Anfang an aktiv zu bleiben, unabhängig von der gewählten Sportart. Besonders Menschen mit Bürojobs wird gezieltes Muskeltraining empfohlen, um den Belastungen des langen Sitzens entgegenzuwirken. „Mein persönlicher Tipp: lieber mehr stehen als sitzen. Sitzen stellt die höchste Belastung für die Wirbelsäule dar. Deshalb bewusst alle 30 bis 45 Minuten eine kurze Pause einlegen, aufstehen, sich bewegen oder etwas zu trinken holen“, rät der Chirurg. Idealerweise wird der Arbeitsplatz so gestaltet, dass ein Wechsel zwischen Sitzen und Stehen möglich ist. Die Wirbelsäule sollte nicht über Stunden starr in einer Position verharren, denn das überlastet Muskulatur und Bandscheiben gleichermaßen.
Wie sinnvoll sind Gesundheits-Apps?
Gesundheitsapplikationen überschneiden sich zunehmend mit klassischen Medizinprodukten. „Besonders spannend ist die Entwicklung in diesem Bereich – auch im Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz. In Deutschland gibt es bereits Apps, die ärztlich verschrieben werden können, etwa als begleitende Maßnahme in der Physiotherapie mit angeleiteten Übungen. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen Fitness- und Gesundheitsanwendungen“, so Dr. Staribacher. Entscheidend bleibe jedoch die Umsetzung: Allein eine Uhr zu tragen oder eine App installiert zu haben, bringt keinen Nutzen. Die Übungen müssen tatsächlich durchgeführt werden. Studien zeigen allerdings, dass Gesundheitsapps durchaus zu messbaren Verbesserungen führen können. Am sinnvollsten sei es, eine Form der Bewegung zu wählen, die Freude macht, denn nur dann bleibt man regelmäßig dabei. Ob das Training über eine App erfolgt oder auf anderem Weg: Dem Muskel ist es letztlich egal, wie er aktiviert wird.
Vorteile eines Wirbelsäulenzentrums
Die Vorteile eines Wirbelsäulenzentrum sind klar: Hier arbeiten mehrere Spezialist*innen mit hoher Expertise auf ihrem jeweiligen Fachgebiet eng zusammen. In der Klinik Oberwart können alle Erkrankungen der Wirbelsäule umfassend behandelt werden. Für Patient*innen bedeutet das eine erhebliche Zeitersparnis und in vielen Fällen auch eine Verkürzung des Leidenswegs. „Der klassische Hexenschuss ist jedoch im niedergelassenen Bereich sehr gut aufgehoben – dafür ist kein Wirbelsäulenzentrum notwendig“, betont Dr. Staribacher. Dieses ist in der Regel Anlaufstelle für Patient*innen, die bereits ambulant behandelt wurden und bei denen konservative Therapien keinen ausreichenden Erfolg gebracht haben.

